ZUR GESCHICHTE DES REIMS. 295
Endlich zeigt sich eine Art Vermittelung zwischen der vier-oder sechsfachen Strophe und dem leoninischen Reim in demGedicht von der Übertragung des Leichnams des heiligen Dio-nysius Areopagita in das Emmeramskloster (Wolf über die LaisS. 466, vgl. S. 115), das von einem mit der metrischen Kunst wenigvertrauten Geistlichen etwa im zehnten Jahrhundert mag verfasstsein. Es besteht aus acht nicht vollständig erhaltenen Sätzen,die einmal der Strophe entsprechen und sich zu dem trochäischen 679Rhythmus neigen, aber im Ganzen wie Prosa lauten. In der 159Mitte und am Ende der langen Zeile steht jedes Mal ein Reim:bis zum fünften Satz ist er einsilbig, von da an zeigt er sichauch zweisilbig, gentes: prementes. auxilium:hostium. resedisset:tractavisset. tractare : explorare.
Diesen geschichtlichen Nachweisungen lasse ich einige Be-trachtungen folgen. Der leoninische Reim mit seinen verschie-denen Abstufungen erscheint bei den römischen Klassikern undbereits bei Lucretius als etwas Herkömmliches und kann seinerNatur nach nicht als eine neue Erfindung gelten. Die latei-nische Sprache mit ihren volltönenden Endigungen brachte ihnhäufig von selbst hervor, und es würde, auch wenn man dieAbsicht gehabt hätte, schwierig gewesen sein, ihn zu verbannen:ausserdem schmeichelte der Gleichklang dem Ohr zu sehr, alsdass man ihn hätte abweisen sollen. Dass er unbemerkt ge-blieben sei, wird niemand behaupten wollen; ich glaube viel-mehr, man hat Wohlgefallen daran gehabt und ihn nicht blosszugelassen, sondern auch gefördert, nur niemals mühsam her-beigeführt. Die deutschen Nachahmer des alten Versmasses,denen so viele Mittel abgehen, haben ihn, wahrscheinlich weilsie etwas Barbarisches darin erblickten, sorgfältig vermieden;auch wäre er allerdings bei ihnen viel auffallender hervorgetreten.W. Wackernagel (Geschichte des deutschen Hexameters undPentameters S. IX) hat gezeigt, dass der syntaktische Parallelis-mus in den Hauptabschnitten beider Versarten darauf hingewirktund ihm seinen Platz angewiesen habe, wo er dann einen Mittel-reim bildete. Wenn er auch am Häufigsten an dieser Stellevorkommt, so war er doch daran nicht gebunden; er durfte auchin einem anderen Fuss stehen, zum drei- und vierfachen heran-