ZUR GESCHICHTE DES REIMS. 191
der natürlich nur in lyrischen Gedichten erscheint, den über-gehenden. Unbekannt ist er in den Liedern des zwölften Jahr-hunderts, auch noch bei Veldeke, Hartmann, Wolfram, Gottfriedvon Strassburg und Walther: aber des Letzteren Schüler, dervon Singenberg (starb 1219/20), stattet die vier ersten Zeilenvon fünf siebenzeiligen Strophen (MS. 1, 153") damit aus, z. B.
Wie gerne ich mit fröiden wscre,wsere unfröide niht so wert,im ist dem riehen fröide unmsere:mfere ist swer ir ze rehte gert.Ich muoz lieben unde leiden,leiden trost von schulden geben:triuwe und ere verret beiden:beiden niemen kan geleben. usw.
Auch in den folgenden Strophen besteht jedes dieser Reimpaareaus demselben Wort, das auch meistens dieselbe Bedeutung hat:da aber der Reim zugleich vierfach ist, so hebt sich die un-erlaubte Berührung auf. Künstlicher verwickelt den übergehen-den Reim Gottfried von Neifen. Aus einem Liede von fünfzehnzeiligen Strophen (21, 2) will ich die erste ganz hersetzen:
Ich heer aber die vögele singen,
in dem walde suoze erklingen;
dringen siht man bluomen durch daz gras. 580
was diu sumerwunne in leide, 60
im hat aber diu liebe heide
beide bluomen unde rosen rot:
meige kumt mit maneger bluot.
tuot mir wol diu minnencliche,
seht, so wirde ich fröideriche,
sunder not vil maneger sorgen fri. usw.
Man sieht, er besteht zweimal aus dem einfachen Reimpaar,und zweimal ist er dreifach. Ich bemerke ausdrücklich, dassder getrennte Reim rot: not in der sechsten und zehnten Zeilenicht hierher gehört. Fünf neunzeilige Strophen eines anderenLiedes (38, 26) zeigen ihn vierfach mit überschlagenden End-reimen, so in den ersten sechs Zeilen:
Sumer, nu wil din gewalt
walt den anger und die heide
beide kleiden: dast dien kleinen vogelen not.