114 ÜBER FREIDANK. ZWEITER NACHTRAG.
lingswörter im Überfluss. Es versteht sich von selbst, dassnicht jedes Wort bei Walther auch bei Freidank vorkommenkann, oder umgekehrt; ich habe selbst eine Anzahl alterthüm-licher Wörter angemerkt, die sich in Walthers Liedern nichtzeigen und dort auch nicht an ihrer Stelle gewesen wären. Esbleibt zu erwägen, dass niemand gleich anfangs seine Spracheund Sprachformen auf das Genaueste feststellt und durch einlanges Leben beibehält, dass vielmehr in Folge verschieden-artiger Einwirkungen, innerer und äusserer, und der beständigenweiteren Entwicklung der Sprache Änderungen von selbst ein-treten. 4) Die gleiche Behandlung des Reims. Auch ein alter-thümlicher ist darunter, und dass einige wenige auf geläufigenKürzungen beruhende bei Walther sich nicht zeigen, kann zu-fällig sein oder lässt sich aus dem Unterschied zwischen ge-sungenen und gelesenen Gedichten vollkommen genügend er-klären, vät, vervät, enpfän erscheinen in dem neuen Text nichtmehr, und die ohnehin gewagte Behauptung, diese Stellen seieneinem mitteldeutschen Gedicht entnommen, fällt zusammen.Was hilft es mir, dass ich die gleiche Behandlung des rüh-renden Reims, den gleichen Gebrauch von —lieh, worauf ichbesonderes Gewicht lege, von dem Doppelreim und der An-häufung desselben Reims nachgewiesen habe? Meinem Gegnerist der Umstand so gleichgültig, dass er ihn gar nicht erwähnt.5) In der neuen Ausgabe wird sich zeigen, mit welcher Sorg-18 falt Freidank die feineren metrischen Gesetze beachtet hat:Pfeiffer ist im voraus überzeugt, dass dies nur durch Anwen-dung künstlicher unstatthafter Mittel gelingen werde. MeineBemerkung, dass Freidank eine Hebung ohne Senkung nur einMal in der Zeile zulasse, wie der Dichter des Athis, hat er sowenig beachtet, als die nachgewiesene Übereinstimmung mitWalther im Gebrauch des in der letzten Senkung vor demstumpfen Reim stehenden unt. Welche Übereinstimmung mitWalther, von dem wir kein Gedicht in dem einfachen Reimpaarbesitzen, sonst noch'erwartet wird, weiss ich nicht.
16 Ich muss die Lichtstrahlen sammeln, die Pfeifler vonallen Seiten auf Freidank fallen lässt. Er blickt auf ihn herabwie auf die Dohle, der man die eingesteckten Pfauenfedern aus-