ÜBER FREIDANK. ZWEITER NACHTRAG. 113
entgegen, als die Verschiedenheit zwischen einem lyrischen undeinem lehrhaften Dichter, die ich selbst hinlänglich hervorge-hoben habe. Aber lehrhaft zeigt sich Walther auch in seinenLiedern, und in manchen wird die freie poetische Stimmungdurch diese ihm natürliche Richtung getrübt: auf der anderenSeite bricht im Freidank, wie Wackernagel mit Recht anmerkt,die lyrische Empfindung durch. Ausserdem habe ich ein ähn-liches Verhältnis bei Hartmann und Lichtenstein nachgewiesen,was mein Gegner mit Stillschweigen übergeht. Zeigte sich jeneÜbereinstimmung lediglich in einer Anzahl von Sprüchen, Sprich-wörtern, Gleichnissen und eigenthümlichen Redensarten, so würdeimmer noch Bedenken haben, aber es kommt Folgendes hinzu,worauf meine Überzeugung beruht. 1) Die höchst wahrschein-lich gleiche Heimath, die Verhüllung des wahren Namens, dieäussere Stellung als fahrende Sänger, die Theilnahme an demKreuzzug, das Zurückbleiben von Jerusalem, endlich das Ver-schwinden zu gleicher Zeit. Pfeiffers Meinung, dass Freidanknoch bis 1240 gelebt habe, stützt sich auf nichts als auf dieunechte Grabschrift, die überdies kein Jahr angibt. 2) Dievöllige Übereinstimmung in jeligiösen, politischen und sittlichen nDingen. Manches ist in den Liedern, wie natürlich, umständ-licher, aber nicht schärfer ausgedrückt, es fallen hier härtereWorte als dort; ein Widerspruch mit Walther tritt nirgendhervor, und doch würde selbst eine beschränkte Natur nichtalles Eigenen sich entäussern können, wie umgekehrt eine reichenatürlichen Grenzen unterworfen bleibt, innerhalb welcher sichihre Gedanken bewegen. 3) Die weitgehende Übereinstimmungin der Sprache und in den Sprachformen. Auch hier gilt dieBemerkung, dass bei keinem Einzelnen die Sprache in ihremvollen Umfang erscheint, sondern bei jedem unwillkürlichen Be-schränkungen unterliegt. Hier sind nicht auffallende und un-gewöhnliche Redensarten von Gewicht, die man abborgen kann,sondern ganz unscheinbare Ausdrücke, Wörter und Wendungen,welche nachzuahmen oder gar auszuschreiben niemand in Ver-suchung kommt; solcher habe ich eine grosse Anzahl nachge-wiesen, die Hoch könnte vermehrt werden. Selbst bei Goethe,dessen Sprache so reich und mannigfaltig ist, findet man Lieb-
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