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4 (1887)
Seite
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}]2 ÜBER FREIDANK. ZWEITER NACHTRAG.

gleich niederschrieb. Pfeiffer legt ihm vermittelst einer kühnenHypothese (der ich nicht beitrete) noch ein erzählendes Gedichtvon Askalon bei: soll er dieses auch in der kurzen Zeit seinesdortigen Aufenthalts verfasst haben? Oder fällt es in die Jahre12301240, die er vorgeblich noch in Deutschland verlebte?Hat' er die Dichter seiner Zeit »ausgebeutet«, so befremdet, dasser gerade die grössten, Gottfried und Wolfram, übergieng, undbei den meisten eine so dürftige Auswahl traf.

14 Nicht genug dass Freidank seine Weisheit bei anderngeholt hat, Pfeiffer weiss ihn noch härter anzugreifen. EineBehauptung scheint ein Scherz zu sein, ist aber ernsthaft ge-meint. Ich habe zum Beweis, dass die Abschnitte von Rom undAkers von keinem anderen als dem Verfasser der Bescheidenheitherrühren, die Übereinstimmung in der Anwendung nicht etwa

16 seltener, sondern bekannter Wörter und Redensarten nachgewiesen,wie sie ein jeder, ohne es zu wissen, sich angewöhnt, z. B. Walther.Dieser Beweis scheint meinem Gegner auch eingeleuchtet zu haben,aber man erräth nicht, was er, der unbefangen ist, daraus folgert.Freidank hat »nicht bloss andere, erhatsich selbst ausgeschrieben«:der Schwachkopf hat die ihm sonst bekannten Ausdrücke ver-gessen, bei sich selbst wieder aufgesucht und dann »ausge-schrieben«, kleine Münze aus dem eigenen Beutel entwendet.

15 Ich habe das Verhältnis Freidanks zu Walther nochnicht berührt, um diese Frage abgesondert zu behandeln. Mankann mit einigem Schein sagen, Freidank habe Walthers Ge-dichte geliebt und sich so eingeprägt, dass er ihn unwillkürlichnachgeahmt habe: aber damit begnügt mein Gegner sich nicht,er behauptet, Freidank habe ihn förmlich ausgeschrieben undausgebeutet. Dabei erlaubt er niemand anderer Meinung zusein, jeder Unbefangene, meint er, müsse seine Überzeugunggewinnen, ohne alle anderen Beweise, bloss durch die von mirnachgewiesene Übereinstimmung zwischen beiden. Das heissteinem den Daumen aufs Auge setzen. Ich stelle meine An-sicht entgegen, wonach beide eine und dieselbe Person sind,und ich glaube damit die grosse, über unwillkürliche Nach-ahmung weit hinausgehende Übereinstimmung auf die einfachsteund natürlichste Weise zu erklären. Es steht eigentlich nichts