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4 (1887)
Seite
111
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ÜBER FREIDANK. ZWEITER NACHTRAG. 111

er mit sicherem Takt behandelt, dem Inhalt nichts oder nichtsWesentliches entzogen, aber ihm einen gleichmässigen Ausdruckgegeben, wie man schon aus der Behandlung der biblischen Stellenersehen kann. Seine Eigentümlichkeit fühlt man überall, in dervon mir (S. 26 [oben S. 31]) aus Rudolfs Wilhelm nachgewiesenenStelle, wo er nicht genannt wird, ist sie, scheint mir, nicht zuverkennen. In diesem Sinne habe ich mit Recht gesagt, demEmpfangenen sei das Siegel seines Geistes aufgedrückt, aberich habe zugleich die Grenzen seiner Einwirkung (EinleitungS. cxviiicxx) bestimmt genug bezeichnet. Wo habe ich ihn 15über Gebühr erhoben? Ist es zu viel, wenn ich sage: »er hateine Umprägung des edlen Metalls vorgenommen, das durchden feiner geschnittenen Stempel nichts verlor«? Ich glaube, derStandpunkt, von dem man ihn beurtheilen muss, ist damit richtigbezeichnet, und mein Gegner hätte mich mit den ironisch ge-steigerten Redensarten von einem »aus dem reichen Innern schöpfen-den .Geist«, zu dem ich ihn habe stempeln wollen, verschonensollen. Von einem höheren dichterischen Schaffen kann bei einemLehrgedicht überhaupt nicht die Rede sein. Pfeiffer mag denFreidank so tief herabsetzen als ihm beliebt, ihn für geistloshalten und eigener Gedanken völlig unfähig, das ist seine Sacheund sein Geschmack, gegen welchen zu streiten ein bekanntesSprichwort verbietet.

13 Wie sich wohl mein Gegner die Entstehung des Werkesin Syrien denkt? Hat Freidank die früheren Dichter, die er an-geblich ihres Eisrenthums berauben wollte, in Akers durchgelesenund dort ausgeschrieben? Hat er die nicht geringe Anzahl vonBüchern, unter denen auch eine vollständige Sammlung vonWalthers Gedichten sich befinden musste, gleich mit dem Vor-satz sie »auszubeuten« und in der Hoffnung auf schriftstellerischeMüsse in Syrien, auf die stille Ruhe, wie sie bei einem betrach-tenden Werke nöthig ist, und die er in dem unruhigen Akersschwerlich gefunden hat, bei seiner Ausfahrt gleich mitgenommen?Oder hat er den Vorsatz zu einer solchen Arbeit längst vor demKreuzzuge gefasst, Auszüge gemacht und diese mit sich geführt?Das alles ist nicht sehr glaublich, wohl aber dass er, was er aufdem Kreuzzuge erlebte, dort, als die Eindrücke-noch frisch waren,