Druckschrift 
4 (1887)
Seite
110
Einzelbild herunterladen
 

HO ÜBER FREIDANK. ZWEITER NACHTRAG.

schiedener Gestalt hervorgewachsen«. Dieses an sich natürlicheVerhältnis zeigt sich auch bei Volksliedern sehr häufig. Ichhatte sogar die Möglichkeit bedacht, dass sich in einzelnen Fällennoch ein Zusammenhang entdecken lasse, und hätte dann keinem14 anderen als Freidank die Entlehnung zuschreiben können. Wasich dort sagte, gilt noch immer mit Ausnahme der wenigenSprüche, die, wie ich jetzt glaube, aus der Bescheidenheit ge-nommen sind. Was macht aber mein Gegner aus meiner Be-merkung, die man gar nicht missverstehen kann? Etwas ganzanderes, er behauptet die Möglichkeit des Entlehnens von SeitenFreidanks sei »als undenkbar von mir sogleich wieder verworfenworden«. Wenn das wahr wäre, so hätte ich damit eine Blossegegeben, denn man konnte mich mit den von mir selbst ange-führten, biblischen Sprüchen und lateinischen Sprichwörtern leichtwiderlegen. Ich will noch jetzt eine Entlehnung Freidanks, so-bald sie sich erweisen lässt, ohne Bedenken anerkennen.

12 Die vorhin besprochenen, der Form nach gemeinschaft-lichen Stellen mögen etwa 2G0 Zeilen ausmachen, ich will 300annehmen: rechnet man diese ab, ferner 400 Zeilen in den Ab-schnitten von Rom und Akers, so bleiben für die Bescheidenheit3800 Verse, die ihr allein zugehören. Jene zwei- oder dreihundertZeilen, die mein Gegner nicht zu vermehren gewusst hat, könnenkeinen Einfluss haben, wenn man das Werk beurtheilen will.Es besteht aus Sprüchwörtern, die damals allgemeine Geltunghatten, aus Sprüchen, von denen einige aus der Bibel, andereaus dem Munde des Volks genommen waren, ein Theil, undohne Zweifel ein nicht geringer, enthält Freidanks eigene Ge-danken und Betrachtungen. Den Werth dessen, was lebendigeÜberlieferung gewährt hat, brauche ich nicht zu vertheidigen:was von ihm selbst herrührt (es lässt sich im Einzelnen nichtbestimmen), finde ich sinnreich gedacht und trefflich ausgedrückt,wiewohl nicht alles gleich gut sein kann. Kenntnis der Welt,ein freier, kühner Blick, sittlicher Ernst leuchten überall durch.Das einfache Reimpaar und die schlichte Sprache war bei demSpruch und Sprichwort, sollten sie volksmässig bleiben, alleinangemessen: eine geschmückte Rede, Umschreibungen und Er-weiterungen vertrugen sich nicht damit. Das Überlieferte hat