ÜBER FREIDANK. ZWEITER NACHTRAG. 105
ringsten, und dichterische Kraft kann sich dabei nicht bewähren,da Sprichwörter überliefert, nicht erfunden werden. Hat dochHartmann einen Spruch, der nicht von ihm herrührte, zweimalin verschiedenen Gedichten vorgebracht. Wie viel weiter istBoner gegangen! Pfeiffer weiss recht gut, schweigt aber darüber,dass dieser eine grosse Anzahl von Sprichwörtern Freidanks inseine Fabeln wörtlich eingerückt hat, ohne ihn ein einziges Malzu nennen. Er hätte eher Ursache dazu gehabt, aber der inAnsehn stehende Mann, der geistliche Prediger, hat gewiss nichtgeglaubt ein Unrecht zu begehen, sondern hier nur ein Gemein-gut erblickt. Aber warum wird Freidank überhaupt nicht vor1240 genannt? Darauf ist leicht zu antworten, hatten die, welcheihn benutzten, keinen Grund dazu, so hatten andere, die nichtsaus ihm nahmen, noch weniger Ursache. Sogenannte literarischeStellen, in denen man seine Kenntnis der vorhandenen Gedichtedarlegte, kommen in diesem Zeiträume nicht vor: Gottfried nennteinmal die Dichter, die er rühmen will, aber es sind ihrer nurfünfe. Erst der redselige Rudolf führt im Wilhelm und imAlexander eine Reihe von Dichtern und Gedichten auf, die ihmbekannt sind, und unter diesen auch Freidank, der indessen ge-storben« war. Früher im Gerhart hatte auch er einen Spruchvon ihm aufgenommen, ohne ihn zu nennen (Über Freidank 11.12), jetzt thut er es, weil er an ihn erinnern und ihn damitehren will. Aber es war noch ein anderer, ganz einfacher Grundvorhanden, weshalb man nicht von ihm sprach. Den Dichtern,welche in dem ersten Viertel des Jahrhunderts die Poesie zurhöchsten Blüthe brachten, lag ein Werk fern, das nicht poetischergötzen, sondern mit sittlichem Ernst die Welt strafen wollte;Gottfried und Wolfram scheinen es gar nicht gekannt zu haben.Freidank wird sich in soweit selbst nicht als Dichter betrachtethaben und hat die Bescheidenheit nur berihtet, geordnet. Ichfinde nicht, dass Thomasin, dessen Welscher Gast nicht unbe-kannt geblieben war (Rückert zählt zwölf Handschriften auf),irgendwo genannt wird, auch nicht Hartmanns Büchlein, derKönig Tirol und der Winsbeke, die in ihrer Art doch aus-gezeichnet sind. Erst im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts,als die poetische Kraft zu sinken begann und die Lehre in Auf- 10