94 ÜBER FREIDANK. NACHTRAG.
steht nichts weder in jenem noch in einem anderen Lied, undes wird nicht gesagt, dass er sich des Stabes bereits bedienthabe, er verlangt nur danach, wir werden gleich sehen weshalb.Will man die Stelle, die hier entscheiden soll, richtig deuten,258 so muss man Inhalt und Stimmung des Liedes beachten. Alt2 konnte sich der Dichter nennen und Todesgedanken hegen,wenn er das von der Anhöhe absteigende Leben betrachtete.Er sagt der Welt ab, mit welcher zu brechen er bei dem An-blick ihrer Rückseite (Wackernagel in Haupts Zeitschr. 6, S. 152)schon in einem anderen Liede (S. 100) bereit schien: tausend-mal habe er Leib und Seele für sie gewagt, jetzt narre sie ihnund verlache seinen Zorn. Er denkt an die Rettung des un-sterblichen Theils, min sele müeze wol gevarn! ruft er aus undräth dem Leib die irdische Minne aufzugeben und der unver-gänglichen anzuhangen. Eine ähnliche Stimmung nur mit höhe-rem Schwung zeigt das kurz vorher gedichtete Lied (S. 124)Owe war sint verswunden alliu miniu jär! Er beginnt jetzt mitder Mahnung an gesangliebende Frauen und Männer, ihm, derseit vierzig Jahren gesungen habe, Ehre und Wohlwollen reich-licher zu gewähren; er fühlt sich zurückgesetzt und vergessen.Hierauf sagt er:
66, 33 Lät mich an eime Stabe gän -und werben umbe werdekeitmit unverzageter arebeit,als ich von kinde habe getan.
so bin ich doch, swie nider ich si, der werden ein,genuoc m miner mäze ho.
Sein Vorsatz ist deutlich ausgedrückt, er will aufs Neue nachwerdekeit, nach der höchsten Ehre streben und zwar mit furcht-loser Anstrengung. Das ist nicht die Sprache eines hinfälligenGreises, der nicht mehr allein stehen kann, sondern eines ent-schlossenen Mannes, der auch das Ende seiner Laufbahn inGlanz stellen will; hat er doch auch für die Zukunft noch Ge-dichte versprochen (125, 10), also bis jetzt keine Abnahme dergeistigen Kräfte gespürt. Was sollen aber die Worte lät michan eime stabe gän? Gewiss nicht was Hr v. Karajan darausfolgert und was sie in anderer Verbindung wohl heissen könnten,