Druckschrift 
4 (1887)
Seite
93
Einzelbild herunterladen
 

ÜBER FREIDANK. NACHTRAG. 93

ÜBER FREIDANK. NACHTRAG.

(Gelesen in der Königlichen Akademie der Wissenschaften am 13. Nov. 1851.)

Abhandlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin (phil.-hist.Hasse). 4°. 1851. S. 257261. Separatabzug S. 15.

An meiner bereits in den Schriften der Akademie (1849) 257gedruckten Vorlesung über Freidank glaube ich neue Gründe 1angegeben zu haben, welche uns berechtigen, in Walther vonder Vogelweide und Freidank einen und denselben Dichter zuerblicken, und will erwarten, ob sie Kraft genug haben, auchandere zu überzeugen. Man kann sie mit einem Strich un-gültig machen, wenn man zu beweisen vermag, dass Waltherdurch körperliche Schwäche verhindert war, an dem Kreuzzugeim Jahr 1228 Theil zu nehmen. Hr v. Karajan hat in einereben erschienenen, aus den Sitzungsberichten der KaiserlichenAkademie der Wissenschaften zu Wien (Band 7) besonders ab-gedruckten Abhandlung über zwei Gedichte Walthers von derVogelweide den Versuch gemacht, diesen Beweis zu führen,natürlich ohne das Verhältnis zu Freidank mit einem Wort zuberühren. Er stellt die Behauptung auf, Walther sei etlicheund sechzig Jahr alt gewesen, als er 1227 das Lied Ir reinenwip, ir werden man gedichtet habe. Dies zu begründen, setzter voraus, Walther habe im 22. Jahr angefangen zu dichten,sei mithin 11651167 geboren. Hatte der reich begabte, wohlschon früh geweckte Geist im achtzehnten begonnen, was nie-mand für unwahrscheinlich halten wird, so hatte er damals dassechzigste noch nicht erreicht. Doch ich gehe darüber hinaus,gesetzt er war 60 Jahr alt, so konnte er noch rüstig sein, wieim 55. schon hinfällig. Hr v. Karajan beschreibt ihn aber alseinen schwachen Greis, der am Stabe geht. Von Schwäche