ÜBER FREIDANK. 41
dort vollkommene, hier unvollkommene Reime beide Gedichteweit genug auseinandersetzen. Dann aber ist die Überein-stimmung in den Sprachformen Walthers und Freidanks, wiemerkwürdig und wichtig an sich, nicht einmal die Hauptsache,sondern der Einklang in sittlichen sowohl als politischen An-sichten, die nur in Liedern sich tiefer und schärfer aussprechenkonnten: ferner der Einklang in Bildern, Wendungen und Re-densarten, die sich bei einem Einzelnen festzusetzen pflegenund die ein anderer ohne mühsame Anstrengung, zu der sichhier kein natürlicher Grund denken lässt, nicht ablernen kann.Ist etwa jene ängstliche Übereinstimmung zu bemerken, wiebei einem, der sich von dem andern Gedanken und Worteholt? Ich finde auf beiden Seiten freie und ungezwungene Auf- 364fassung: es gibt einfache Sprüche bei Freidank, die mit der 36reicheren Ausführung in Walthers Strophen zusammenkommen(s. die Anmerkungen zu 100, 6. 7. 103, 25. 26). Man erklärediese Erscheinung, wenn hier zwei Verschiedene sprechen, aufeine befriedigende Weise, nur nicht durch kleinliche Nachahmungoder Angewöhnung, die bei dem so selbständig und scharf sichäussernden Freidank nicht an der Stelle ist: welch ein arm-seliger, aller eigenen Mittel entblösster Geist müsste er gewesensein. Wo man einen solchen Einfluss am ersten sucht, beiWalthers Schüler, dem von Singenberg, da habe ich ihn geradenicht gefunden: hingegen wie leicht erkennbar ist die Nach-ahmung Hartmanns bei Wirnt und Fleck, die sich wiederumso deutlich von ihrein Vorbilde unterscheiden.
Ich will die in der Einleitung S. cxxin — cxxvn ausge-hobenen Übereinstimmungen, so genügend sie mir scheinen,noch mit einer Reihe anderer vermehren, wobei ich absichtlichauch auf weniger hervortretende, doch nicht überall vorkommendeGedanken und Ausdrücke Rücksicht nehme, weil mir darin•eine besondere Beweiskraft gegen absichtliche Nachahmung zuliegen seheint; dergleichen borgt niemand ab. der armet ander sele Walther in W. Wackernagels Lesebuch I, 388, 36: derarmet an dem muote Freid. 56, 12. in sinem süezen honge litein giftic nagel W. 29, 12: nü seht daz hone, swie süeze ez si,da ist doch lihte ein angel bi F. 56, 12. du verderbest dich