40 ÜBER FREIDANK.
der Erhebung und mit den blühenden Worten eines Sängers,und doch fehlt auch diesem, der ars und mäne ins Gleichnisbringt, nicht die gesunde Derbheit des anderen. Als ob Goetheder Liederdichter nicht auch die Weissagungen des Bakis habeschreiben dürfen? Gemahnt Freidank wie eine schwächlicheund abhängige Natur, die ihre dünnen Wurzeln erst aus fremder363 Quelle begiessen muss? Weiss er nicht selbst üz iegelichem35 vazze gät daz ez innerhalben hat? Ich glaube mich nicht zutäuschen, wenn ich, wie ich schon in der Einleitung S. cxx ge-sagt habe, in dem Gedicht Preidanks den Beigeschmack einereigenthümlichen Persönlichkeit und zugleich Walthers besondereGemüthsstimmung empfinde. Ich kann ein Paar ähnliche odervielmehr schärfere Gegensätze aus jener Zeit nachweisen. Wererkennt den lebensfrischen Dichter von Erek, Gregor, Iwein,dem armen Heinrich in den mit ermüdenden, ziemlich dürftigenBetrachtungen erfüllten zwei Büchlein wieder? LichtensteinsMinnelieder sind, wenn auch ohne Tiefe des Gefühls, zierlichgedacht und in einer gewandten, höfisch gebildeten Sprache an-muthig ausgedrückt: würde man glauben, wenn man dessennicht sicher wäre, dass ein von aller Phantasie entblösstes Ge-dicht, ich meine den Frauendienst, von demselben Verfasserausgegangen sei? Ich will nicht von dem oft widerwärtigen,oft abgeschmackten Inhalt reden, sondern denke hier nur andie trockene chronikartige Erzählung, die es nirgend auch nur zueinem geringen Grad von Lebendigkeit bringt; der Gegensatzist viel grösser als zwischen Walther und Freidank. Aber essoll »schwer fallen, den Abstand ihrer Spracheigenthümlichkeitdarzuthun, da wir von beiden nicht Text genug vor uns haben«.Das will mir nicht einleuchten. Walthers Lieder enthalten etwa5000, Freidanks Werk gegen 4000 Zeilen: auf einem Feldevon diesem Umfang konnten Sprachverschiedenheiten genug auf-wachsen. Ist doch der umgekehrte Versuch gemacht worden(Haupts Zeitschrift 5, S. 74. 75), aus sieben vereinzelten, nichtmehr als 64 Zeilen enthaltenden Bruchstücken eines verlorenenGedichts von Frau Treibe Gleichzeitigkeit und Ähnlichkeit derLautverhältnisse wie des Stils mit dem aus 1300 Zeilen be-stehenden. Gedicht vom Grafen Rudolf nachzuweisen, während