Druckschrift 
4 (1887)
Seite
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38 ÜBER FREIDANK.

das Ursprüngliche gestört, aber bei der überwiegenden Mehr-zahl ist der Text gesichert, und zwar so gut gesichert, als inden meisten Denkmälern jener Zeit. Eine ansehnliche Reihevon Handschriften gewährt hinlängliche Beglaubigung, ja esliegt gerade ein Zeugnis für die Echtheit des Textes darin,dass, der verschiedenen Umstellungen und Änderungen derReihenfolge ungeachtet, er so gleichlautend und übereinstimmendsich erhalten hat; und wer darauf besteht, den höchsten Gradder Verderbnis vorauszusetzen, der kann doch unmöglich an-nehmen, der ursprüngliche Text würde Abweichungen vonWalthers Sprachformen gezeigt haben: dann müsste die ver-muthete Verderbnis absichtlich darauf ausgegangen sein, dieseVerschiedenheit zu tilgen, daneben aber das Übereinstimmendestehen zu lassen: ja, die Urheber der Verfälschungen (mehrerenatürlich, denn einer allein konnte den echten Text in allenHandschriften unmöglich vernichten) müssten sich in diesemStreben die Hand geboten haben. Ich zweifle nicht, der Textder reinsten Handschrift würde ebenso wenig Verschiedenheitenvon Walther zu Tage bringen, als der, den wir besitzen, wahr-scheinlich aber noch einige Übereinstimmungen mehr. DieHeidelberger Handschrift A, welche die Grundlage meiner Aus-gabe gewährte, ist mindestens ebenso alt als jenes MünchnerBruchstück, das Schmellers Carmina burana S. 107—109 ge-nauer als Docen mittheilen: sie ist eine gute, wenn auch nichtvortreffliche zu nennen und stellt die erste Ordnung dar. Dasie im Ganzen unbezweifelt bessere Lesarten liefert, so habeich ihr in den meisten Fällen der zweiten Ordnung gegenüberden Vorzug gegeben, jedoch bei der neuen Bearbeitung desTextes von dieser Strenge etwas nachgelassen. Das Münchnernur aus 56 Zeilen bestehende Bruchstück folgt der zweitenspäteren Ordnung, und da es den Vorzug verdienen soll, sohabe ich die Mühe nicht gescheut, es mit A genau zu vergleichen.Es stellte sich heraus, dass seine Abweichungen, die niemalsden Sinn berühren und im Geringsten nicht einen Gegensatzvon echtem und überarbeitetem Text auch nur andeuten, über-all Fehlerhaftes oder Verwerfliches liefern. 105, 6 flickt esgegen das Versmass gar ein und schreibt fälschlich verniugeret.