• • ÜBER FREIDANK. 23
(im dritten Bande des Liedersaals), die einzelne Sprichwörterohne inneren Zusammenhang nebeneinanderstellen.
Freidank hat einen eigenthümlichen Weg eingeschlagen:er wollte seiner Zeit einen Spiegel vorhalten und glaubte dieAnsichten über göttliche und weltliche Dinge, über Geist undNatur, wie sie damals herrschten, in Sprüchen und Sprich-wörtern des Volks am besten aus[zu]drücken. Unmittelbar be-lehren wollte er nicht, auch nicht geradezu geltend machen waser sagt: ja sein Standpunkt erlaubte ihm Widersprechendes, wenner es vorfand, hinzustellen. Als .die innere Kraft der Poesiein dem letzten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts aufgezehrtwar, blieb sie, ihrer Schwungfedern beraubt, auf dem Bodensitzen und streute die Körner ihrer Weisheit aus. Die Um-wandelung der Dinge zeigt Frauenlob am deutlichsten, der von 347Natur nicht unbegabt war und Welt und Menschen kannte. 19Wenn seine Leiche und geistlichen Lieder fast immer durchdie hinauf geschraubte schwierige Sprache, oder durch dieÜbertreibung mystischreligiöser Ansichten einen peinlichen Ein-druck machen, so zeigt er sich doch in seinen zahlreichenSpruchgedichten, die uns nicht wenige echte Sprichwörter be-wahrt haben (Freidanks Bescheidenheit war ihm, scheint es,unbekannt), als einen sinnvollen Mann, der sich klug und ge-schickt auszudrücken weiss. Wenn er auch hier die Spracheeigenwillig handhabt, so lässt er sich doch einige Male herabschlicht und natürlich zu reden wie in ein Paar Minneliedernund in dem Streit zwischen Welt und Minne, als sei er einganz anderer. Aber ihm mangelt das Gefühl von dem höherenWerth der früheren Dichter, ja er ist unwillig (S. 184), dassman die alten Meister preise und erhebe: unerschöpflich sei derBorn der Erkenntnis, Natur theile die Gaben aus, die, gleichliegen und Wind, heute sich ebenso wirksam zeigen könntenwie vordem. Er geht noch weiter, in einem Wettstreit mitRegenboge lässt er sich (S. 114. 115) von diesem sagen, dassWalthers und Reinmars Lieder mehr Anklang in den Landenfänden als die seinigen, erwidert aber mit Stolz swaz ie gesancReinmär und der von Eschenbach, swaz ie gesprach der vonder Vogelweide zuo vergolten! kleide: ich Frouwenlop vergulde