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4 (1887)
Seite
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22 ÜBKR FREIDANK.

sophischen Anstrich gewonnen, ja im Welschen Gast legtThomasin ein philosophischmoralisches System mit unerträglicherBreite auseinander. Lichtersteins Frauenbuch mit seinen hohlenGedanken kann niemand ergötzen.

Das echte volksmässige Sprichwort enthält keine absicht-liche Lehre. Es ist nicht der Ertrag einsamer Betrachtung,346 sondern in ihm bricht eine längst empfundene Wahrheit blitz-18 artig hervor und findet den höheren Ausdruck von selbst:welche Kraft bat ein glückliches Bild, es kann mild und ernstsein, zierlich und witzig, aber es kann auch wie ein Schwertscharf einschneiden. Diese Erhebung des Gedankens in einereinere Luft sichert dem Sprichwort innern Gehalt, weite Ver-breitung und Geltung durch Jahrhunderte: es ist, wenn manwill, eine freiere und kühnere, dem ganzen Volk verständlicheSprache, deren Gebrauch eine geistige Belebung voraussetzt:es ist auch die volksmässige Grundlage des Lehrgedichts, dassich erst breit machen konnte, als die Neigung zu philosophierenEingang in die Dichtung fand. Bei uns zeigt sich das Sprich-wort schon in frühster Zeit, aber ich glaube dass es, wie daspoetische Gleichnis, erst bei freierer Beweglichkeit des Geisteszur eigentlichen Ausbildung gelangte. Mit Recht bemerktWackernagel (Geschichte der deutschen Litteratur S. 57), dassin Muspilli, dem Hildebrandslied gegenüber, die Spruchweisheitmehr zu Wort komme. In der Kaiserchronik habe ich es, wennauch nicht häufig, in der Auffassung gefunden, in welcher esin dem dreizehnten Jahrhundert so oft erscheint. Spervogelist zuerst, soviel ich weiss, auf den Gedanken gerathen Sprich-wörter, die sich ihm bereits in Fülle darbieten, als Lehre undErmahnung in einem grösseren Lied (MS. 2, 226. Mgb. 5) an-einanderzureihen. Weiter fortgebildet ist dieser Gedanke indem Winsbeke, wo sie nur massiger eingewebt sind. Daranschliesst sich ein in der pfälzischen Handschrift Freidanks be-findliches, jetzt in Hagens Minnesingern 3, 468'i~' abgedrucktesGedicht, in welchem Sprüche aus der Bescheidenheit ohnegrosses Geschick aneinandergeschoben sind. Ich gedenke nurnoch einer Strophe dieser Art bei dem Marner (MSHag. 3, 452 a )und einiger Spruchgedichte aus dem vierzehnten Jahrhundert