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4 (1887)
Seite
21
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ÜBER FREIDANK. 21

Last und selbst da, wo es den Stoff zu einer schönen Dichtunggewährte, wie z. B. in dem Gedicht von dem verlornen Sohn(s. Karajans Denkmäler), mit wenigen Zeilen abgefunden. Nurbei religiösen Mythen, wie man die Sage vom Antichrist unddem Untergang der Welt, von Pilatus und der heiligen Veronicanennen kann, war eine poetische Belebung gestattet, dochnirgend zeigt sich eine Spur jener frischen Lebenslust, die indem Archipoeta so wild überschäumt, der sich vielleicht ebendeshalb der fremden Sprache bediente. Als in der zweitenHälfte des zwölften Jahrhunderts die Kunstdichtung wieder zuden Laien tibergieng, begann sie freier zu athmen; wir habenaus dieser Zeit schöne Zeugnisse dichterischer Kräfte. Auchdie Betrachtung durfte sich menschlichen Gefühlen und welt-lichen Verhältnissen zuwenden. Wie schlicht und natürlich istder gute Rath, den ein Minnebrief aus dieser Zeit (Docenmisc. 2, S. 306) ertheilt: wie ernst und edel die väterliche Er-mahnung des Königs Tirol, wo mir Gedanken und Avisdruckauch noch in das zwölfte Jahrhundert zu reichen scheinen.Die einfache Sprache und die Innigkeit des Gefühls in denlyrischen Gedichten jener Zeit geht überall, selbst in demreligiösen Lied des Kolmas, mehr zu Herzen als die nichtselten erkünstelte und dabei doch eintönige Ausbildung derspäteren. Sogar in den Gedichten Walthers von der Vogel-weide sehen wir den lebensvollen Dichter von dem Nachdenkenund der Klage über die Welt zwar nicht gefesselt, aber dochgehemmt. Man glaubt kaum dass es derselbe Gottfried ist, derim Tristan die Lust der Sinne mit glühenden Farben malt undin den Liedern (MS. 2, S. 183185) Gottes Minne zu suchenmahnt oder Armuth und Demuth empfiehlt. Weiter schreitendbei Bruder Wernher, dem gedankenreichen Reinmar von Zweter,bei Raumeland, Friedrich von Sunburg wuchert die Lehre, diesich rankenartig ausstreckt und die Freiheit des unmittelbarenpoetischen Gefühls fast erstickt. Konrad« von Würzburg istihr besonders zugethan und behandelt sie zwar mit Geschick,vorzüglich in seinen Liedern, bleibt aber meist an der Ober-fläche haften. In den beiden Büchlein Hartmanns, zumal woHerz und Leib sich unterreden, hat sie schon einen philo-