20 ÜBER FREIDANK.
Thaten und der Darstellung erhabener, von den edelsten oderfurchtbarsten Leidenschaften bewegter Menschen bleibt es über-lassen die Lehre in dem Gemüth der Zuhörer zu 'erwecken.Kaum dass das Nibelungelied am Schluss mit den Worten iediu liebe leide ze aller jungiste git etwas der Art andeutet,oder eine unechte Strophe (1022, 2) den allgemeinen Satzniemen lebet so starker, ern müeze ligen tot für besondere Ver-hältnisse geltend macht, wie in gleicher Anwendung Gudrun(5512 = 1377, 4) sagt der vert lachete, den lät hiure weinen.Das ist der freien Dichtung gemäss, die noch den Geist desganzen Volkes abspiegelt, und wie die Richtungen verschiedenerZeiten wechseln, der Sage auch einen anderen Mittelpunkt ver-leiht. Beginnt aber mit dem Heldenleben zugleich das Gefühlfür das Epos zu sinken, so geht die abgelöste Poesie in dieHände einzelner über, die ihr ein voraus bestimmtes Ziel steckenund die eigene Betrachtung einmischen, um den Gewinn selbstabzuschöpfen. In diese Zeit des einsamen Nachsinnens fälltdie Entstehung des Lehrgedichts. Otfried, der hervortretenkonnte, weil die schaffende Kraft des Epos schon zu versiegenbegann, das fortan von seinem erworbenen Gut zehrte, sahgewiss die moralische Lehre, womit er die Erzählung desEvangeliums umgibt, als die Hauptsache und als seine eigent-liche Aufgabe an; auch dem Dichter des Heljands sind Be-trachtungen nicht fremd, selbst in Muspilli zeigen sie sich schon.In der langen Zeit, in welcher Geistliche sich der Dichtkunstbemächtigt hatten, begegnen wir fast nur sittlichen Betrachtungen,mystischreligiösen Auslegungen der Bibel, selbst der Naturge-schichte, oder theologischen Spitzfindigkeiten. Sie sehen mitVerachtung auf andere Dichtungen herab: in dem allegorischenGedicht von dem himmlischen Jerusalem wird gesagt (Vorau.Handschr.) swä man eine guote rede tuot, (so ist sie) demtumben unmäre: der haizet ime singen von werltlichen dingenund von degenhaite. Nur in den Bruchstücken eines Lehr-gedichts, das Docen (Massmanns Denkmäler S. 80—82) be-kannt gemacht hat, finde ich Gemüth und natürliches Gefühlmit lebendigem Ausdruck vereinigt. Wo man des Geschicht-*!*/ liehen nicht ganz entrathen kann, da wird es dem Dichter eine