ÜBER FREIDANK. 13
Freidanks Auffassung steht in allen diesen Sprüchen nahe, undseine Worte klingen durch, ja der Reim ist fast immer bei- .behalten. Hierzu kommt, dass auch Hartmanns Nachahmerund Zeitgenosse, Wirnt, sichtbar einen Spruch aus- der Be-scheidenheit entlehnt hat, Wigalois 167, 7 er (Gott) nidert höch-gemüete und hoehet alle giiete: Freid. 2, 5 got hoehet alle güeteund nidert hochgemüete. Wolfram und Gottfried waren vonder Macht des eigenen Geistes zu sehr erfüllt, als dass sie vonanderen etwas hätten annehmen sollen: wenigstens finde ichbei ihnen keine Stelle, die Bekanntschaft mit Freidank ver-riethe. Wolfram bringt zwar einige Sprichwörter vor, abereigenthümliche, und da, wo derselbe Gedanke vorkommt, ist ergedrungener und schöner ausgedrückt. Parz. 272, 12 weindeougen hänt süezen munt: Freid. 32, 14 daz herze weinet manegestunt, so doch lachen muoz der munt, und Parz. 338, 11 imwasre der liute volge guot, swer dicke lop mit wärheit tuotliegt fern von Freid. 60, 23 merket, swer sich selben lobet änevolge, daz er tobet; selbst der volksmässige, auch anderwärts(Einleitung xcv) übereinstimmende Spruch 31, 16 hiute liep,morne leit lautet im Parzival 103, 24 hiute freude, morgen leitoder 548, 8 hiute riuwe, morgen fro. Bruchstücke aus einemunbekannten Gedicht, das Stil und Sprache in die beste Zeitdes 13. Jahrhunderts weisen (Mones Anzeiger 4, S. 314—321),enthalten Z. 122—124 Folgendes: mir ist ouch für war geseitdaz er lihte friunde sich bewiget, swer alle zit niugerne pfliget.Ich glaube, dass wir hier den echten Text eines Spruches ausder Bescheidenheit vor uns haben, den wir nur aus wenigenund zumal späteren Handschriften kennen, 97, 26 des friundesschiere sich verwiget, der niuwer friunde pfliget. Das ausserGebrauch gekommene Substantiv niugerne, das • ich nur im Erek7635 und Lanzelet 7983 nachweisen kann und wofür GraffsSprachschatz 4, S. 236 nur einen einzigen Beleg hat, mag Ver-anlassung gewesen sein, mit Abschwächung des Gedankens dieWiederholung niuwer friunde zu setzen. Das seltene Wortwar auch dem Verfasser des lateinisch-deutschen Freidanks un-bekannt, denn er bringt (Göttweig. Handschr. 4, alt. Druck 5")etwas anderes, ganz Gehaltloses vor, der friunde sich verwiget, ff