290 I. Kriege von 1613—16S9.
blindeten Heere bemächtigen zu können: die Approchen wurden mitEifer gefördert, Bomben und grosse Steine geworfen, Pulverminen ge-sprengt, und am 8. September (als die Verbündeten aus Tuln aufbrachen)durch die Janitscharen ein Sturm ausgeführt, welcher jedoch erfolgloswar. Am 10. September beunruhigte er sich nicht über die Meldung,dass die Verbündeten am Kahlenberg eingetroffen seien, nur ein Caval-leriecorps von etwa 10000 Mann wurde zum Fusse des Kahlenbergsgeschickt. In seinem Lager aber entstand Unruhe, und in einem am11. September abgehaltenen Kriegsrathe stimmten die Paschas, nament-lich der von Adrianopel, für Aufhebung der Belagerung, um deswillen,weil in den zwei Monaten, welche sie dauerte, das türkische Heer aufdie Hälfte zusammengeschmolzen und nicht im Stande war, sich mit Er-folg einer feindlichen Armee entgegenzustellen, welche ein Feldherr wieder Polenkönig führte. Sie stellten vor, dass die Besatzung von Wiensich tapfer und mit Ausdauer vertheidigt habe, dass durch Regengüsseund kalte Nächte Krankheiten und Sterblichkeit im türkischen Heerezugenommen haben, endlich, dass Suleiman selber gezwungen wordensei, vor Wien abzuziehen. Der Vezier aber entgegnete, dass es schimpf-lich sei, zurückzugehen, wenn die Belagerten schon aufs Aeusserste ge-bracht und nicht im Stande seien, sich noch 3 Tage zu halten: dassdie Polen durch den weiten Marsch ermüdet und zwar tapfer beim Angriff,aber nicht standhaft im Kampfe seien; endlich, dass er lieber in derSchlacht fallen, als durch die schimpfliche Schnur sterben wolle. DieseAntwort aber befriedigte die Paschas keineswegs, und insgeheim dachtensie entschieden auf ihre Rettung durch schleunigen Rückzug.
In der That hatten sie mehr Recht, als der Vezier. weil nach Zurück-lassung von 20 000 Janitscharen in den Trancheen er zum Kampfe kaum70 000 Mann herausführen konnte, d. eine Zahl, welche der der Verbündetengleichkam, denen sie imüebrigen in Formation, Ausbildung und Führungbedeutend nachstand, da jene 70 000 Mann europäische Truppen vor-trefflich geschult waren und zur Hälfte aus Infanterie, zur Hälfte ausCavallerie und einer guten Artillerie bestand. Der Vezier aber blieb beiseiner Meinung.
Inzwischen hatte S o b i e s k i einem für einen Ingenieur geltendenFranzosen die Recognoscirung des Terrains vom Fusse des Kahlenbergesbis zum Lager der Türken aufgetragen. Dieses Terrain war zwar hü-gelig, aber doch zur Action der Reiterei geeignet: der Franzose jedochberichtete, es sei von Schluchten und Hohlwegen äusserst durchschnitten.Hierauf gestützt, berechnete S o b i e s k i, dass mindestens drei Tage er-forderlich sein würden , um die Türken aus ihren Positionen zu werfen,und gab ungefähr an, wohin die verbündete Armee am 12. und 13.