196 I. Kriege von 1613—1689.
Die Gesammtstärke aller russischen, an die West- und Südgrenzedirigirten Truppen, mit Ausnahme des kleinrussischen Heeres, ist nichtgenau bekannt. Einige nahmen sie auf 100 000 Mann an (so der polni-sche Historiker Shuiski), Andre auf über 200 000 (Ustrjalow) ,die Herausgeber des Theatrum Europaeum berechnen sie sogar genauauf 53644G Mann, was selbstverständlich höchst übertrieben und ganzunwahrscheinlich ist. Aber das scheint unzweifelhaft, dass es im Ganzensehr viele Truppen waren, vielleicht 200 000 Mann und darüber.
Was konnten Polen und Lithauen dagegen aufstellen und was stell-ten sie wirklich auf"? Bis zum Juni hin nur sehr wenig: erst auf demam 30. Mai (9. Juni) eröffneten Reichstage zu Warschau wurden die Het-mans ernannt: der polnische Kronshetman StanislawPotozki, derVoll- (Feld-)hetman Lanzkoronski; der lithauische GrosshetmanJan Radziwil, der Vollhetman Gonsjewski, geschworener Feinddes Vorigen. Radziwil schützte die Dnjepr-Linie von Smolensk bisOrscha mit im Ganzen nur 12 000 Mann (8000 Quartianen und einigenHofdruschinen der Magnaten). An der Grenze der Ukraine, am rechtenUfer stand, gegen Chmjelnizki, Stanislaw Potozki mit demKronsheere, das nicht über 10—15 000 Mann stark war. Erst jetzt, imJuni also, dachte man im Reichstage daran, die Befestigungen von Smo-lensk, Mstislawl, Witebsk und Minsk zu verstärken, und gab die Einwil-ligung zur Einberufung der Pospolitoje Ruschenje, für den Fall derNoth.Dafür aber wurde auf diesem selben Reichstag ein Vertrag mit dem Krym-Khan unterschrieben, diesem gewöhnlichen Verbündeten Polen's und Ret-ter in der Noth! — Jetzt aber waren Polen und Lithauen wirklich inschwerer Nothlage: angesichts des ihnen drohenden Angriffs durch diezahlreichen und erheblich überlegenen Streitkräfte des Zaren und derUkraine waren sie Beide fast gänzlich ohnmächtig und schutzlos.
Inzwischen war der Zar am 26. Mai in Moshaisk eingetroffen, vonwo er am 28. nach Moskau schrieb, dass er »nach Smolensk eile, in wel-cher Stadt nebst Umgegend, wie er höre, sich Niemand befinde, so dasser sie um so rascher einnehmen werde.« Er konnte sich jedoch nichtbesonders eilen, theils deshalb, weil rasche Bewegungen für die damali-gen russischen Corps, welche einen ungeheuren Tross mit sich führten,unmöglich waren, theils auch deshalb, weil es erforderlich war, die amWege nach Smolensk gelegenen Städte zu unterwerfen, was den Vor-marsch aufhielt. In Wjasma stiessen noch viele Regimenter zum Zarenund drei fremde Generale: De Lorient, De Spemle und Ki 1 -seki, mit 1500 Dragoner-und 1000 Husarensöldnern. Der Zar, von derGerechtigkeit seiner Sache ebenso überzeugt, wie von der Notwendig-keit seines Unternehmens, zog für seine Person kühn und voll Sicherheit