Druckschrift 
Abth. 3, Die Neuzeit Supplement 1 (1882) Russische Kriege im 17. Jahrhundert
Entstehung
Seite
132
Einzelbild herunterladen
 

132 I. Kriege von 16131689.

war. Davon aber geschah Nichts, im Gegentheil die leichtsinnige undunverständige Unternehmungwurde ebenso thörichtund leichtsinnig ausge-führt, nach Art der tatarischen Einfälle undUeberfälle, aber äusserst lang-sam und unentschlossen, mit getheilten und verzettelten Kräften, häufigenund andauernden Unthätigkeitspausen, und unter Abweichung von demHauptoperationszweck und Gegenstand, statt in einem Frühling undSommer während zwei ganzer Jahre! Nachdem das ganze Jahr1616 mit Rüstungen vergangen, brachen Wladislaw und Chodkje-wicz im April 1617 auf, hatten kaum im September ihre Vereinigungvor Dorogobusch bewerkstelligt und bezogen dann, durch russische Corpsaufgehalten, welche in Moshaisk, Kaluga. Borowsk und anderen Städtenan der Strasse nach Moskau lagen, beim Eintritt des Frostes Winter-quartiere in Wjasma und Umgegend, wo sie über y 2 Jahr inUnthätigkeitzubrachten! Endlich im Juni 1618 zieht Wladislaw gegen Moskau,trifft im Herbst (September) davor ein, vereinigt sich hier mit 20 000Kasaken Konaschewitsch's, einer sehr schwer wiegenden Verstär-kung, schreitet erst am 1. Oktober zum Sturm auf Moskau, wird hierund vor dem Troizkikloster abgeschlagen und ist, da sein Heer bereitsvom Winter und vom Hunger bedroht wird, gezwungen nach Frieden zuverlangen. Es war noch ein Glück für ihn, dass auch der andere TheilFrieden wünschte und dass dieser am 1. December zu Stande kam,obgleich unter Verzichtleistung Wladislaw's auf den moskowiterThron, aber doch mit den wichtigen Erwerbungen für Polen und ohneden, im andern Falle drohenden, Untergang des polnischen Heeres durchKälte und Hunger.

Nicht minder seltsam war die Führung des Krieges auch auf russi-scher Seite. Wie desorganisirt, erschöpft und geschwächt auch derMoskowiter Staat sein mochte, der Angriff Wladislaw's erforderteunbedingte Abwehr und Schutz der äusseren Sicherheit und Selbstän-digkeit Russland's; Truppen dazu waren vorhanden, wie die Folge zeigte,nicht allein in genügendem Maasse, sondern noch mehr als Wladislawhatte. Nachdem mit Schweden zu Anfang des Jahres 1617 rasch Frie-den gemacht war, zu dem Zwecke, um sich Polen entgegenstellen zukönnen, hätte die moskowiter Regierung sogleich die gegen Schwedenverwendeten und die andern im Innern des Reiches befindlichen TruppenPolen entgegenstellen können. Sie mussten aber concentrirt und unge-säumt sofort auf Smolensk dirigirt werden, diesen wichtigsten militäri-schen Punkt an der Westgrenze, der einzuschliessen und zu belagernwar, während unterdessen alle westlichen Grenzen Russland's von pol-nischen und lithauischen Truppen gesäubert und sorgfältig gesichertwurden; griff Wladislaw an, so mussten ihm die Hauptkräfte kühnentgegentreten, ein Theil zur Belagerung von Smolensk zurück bleiben,