2. Polen und Lithauen; Kasaken, Tataren, Türken. 107
Willen im Staate durchgesetzt hatten, erschütterte den letzteren bis inden Grund, um so mehr, als zur selben Zeit Abas, der Pascha vonErzerum, sich unter dem Vorwande, die Ermordung Osman's rächen zuwollen, erhoben hatte, in Constantinopel aber die vollste Anarchieherrschte. Nach dem Willen der aufrührerischen Janitscharen wurdefünfmal der Grossvezier gewechselt, und der sechste endlich setzte, mitEinwilligung der höchsten Würdenträger, den unfähigen SchwachkopfMustapha ab und erhob an seiner Stelle den Bruder Osman's, den11jährigen Murad IV (30. August 1623), auf den Thron. 10 Jahre(1623—1633) bis zu seiner Volljährigkeit regierten seine Mutter und dieVeziere, eine Zeit, welche, wie die sechs vorhergehenden Jahre, durchdie grössten inneren Unruhen und Empörungen, Verwirrung, Unordnun-gen und den Militärdespotismus der Janitscharen und des Heeres be-zeichnet wird. Als er aber grossjährig geworden war, beseitigteM u r a d IV den Einfluss der Weiber, Günstlinge und Veziere und begannselbst die Herrschaft über das Reich zu ergreifen, aber mit solcher Ener-gie , Kraft und Grausamkeit, dass in den letzten sieben Jahren seinerRegierung er ein unumschränkter Despot und Tyrann geworden war unddie Türkei mit dem Blute von über 100 000 von ihm Hingerichteter undbei Unterdrückung der Aufstände, wie bei der Einverleibung von Bagdadund anderer von der Türkei losgerissener Städte und Länder Umgekom-mener überschwemmt war.
Hammer in seiner »Geschichte des osmanischen Reiches« schildert,auf Grund türkischer Quellen, den Zustand der Türkei vor 1633 und dieblutige Regierung Murad's IV in folgender Weise: »Der Thron, welchernur den Schatten der Herrschaft besass, aber jeder Bedeutung und Machtberaubt war, drohte mit dem Reiche zusammen unter dem eisernen Jochedes Despotismus des Heeres und dem Aufruhr der Provinzen unterzu-gehen. Der Verfall war allgemein, sowohl durch den Verlust der abge-fallenen , als durch die Entvölkerung der noch zum Reiche gehörendenProvinzen, wie durch den Druck der Steuern und Erpressungen, derAussaugungen durch die Statthalter und die Truppen, durch die Bestech-lichkeit der Veziere und Richter, die zunehmende Macht und Frechheitder Janitscharen und Spahis und durch die Empörung der Statthaltervon Erzerum und Bagdad. 19 Sandshaks*) waren in der Hand derPerser. In den Schatz flössen kaum 10 Millionen Piaster. Die Des-organisation der für Sold dienenden stehenden Truppen — Janitscharenund 6 Orten zu Pferde als Sandshakswachen — nahm täglich zu inFolge der Nichtbeachtung der alten Ordnungen. Jeden Tag vermehrte
*! Sandshaks, d. h. Distrikte eines Paschaliks oder Generalgouvernements.
Anm. d. Ueb.