106 L Kriege von 1613—1689.
Heeres wiederherzustellen, welche seit dem Tode Su leim an's I (oderII)*) des Grossen, im Jahre 1566, unaufhaltsam ihrem Verfalle ent-gegen gingen. Der Höhepunkt ihrer traurigsten Zustände fiel in die1. Hälfte des 17. Jahrhunderts, in die Zeit, als in Deutschland und fastganz West-Europa der 30jährige Krieg entbrannt war, — und deshalbkonnte auch für diese Länder damals die Türkei in keiner Weise gefährlichwerden. Als in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, dank den vier Gross-vezieren aus dem Geschlechte Kjöprili, die Kriegsorganisation undMacht der Türkei sich einigermassen hob, hatte in West-Europa dieKriegskunst bereits solche Fortschritte gemacht, dass die Türken nichtmit Erfolg sich den westeuropäischen Heeren entgegenstellen konnten,sondern von ihnen häufige und schwere Niederlagen erlitten, namentlichin den Kriegen mit Oesterreich und gegen solche Heerführer wie JohannSobieski, Montecuculi, Prinz Ludwig von Baden und spä-ter Prinz Eugen von Savoyen.
Betrachten wir den Zustand der Heeresverfassung und des Heeresder Türkei im Besonderen während der Regierung eines jeden dersechs Sultane, welche von 1618—1691 regierten, so müssen wir sagen,dass Osman II, älterer Sohn des Ende 1617 gestorbenen, Achmed I,welcher im Februar 1618 nach Absetzung des schwachsinnigen Musta-pha I, Achmed's I Bruder, den Thron bestiegen hatte, im Heere diegesunkene Disziplin zu heben und durch eine an Geiz grenzende Spar-samkeit die Erschöpfung des Staatsschatzes zu bessern begann. Dannaber ergab er sich aus Kummer und Verdruss über seine Misserfolge imKriege gegen Polen 1621 den Lastern und der Grausamkeit. DieJanitscharen, zuerst durch die bei Gelegenheit der ThronbesteigungMustapha'sl und später Osman's II erhaltenen gewöhnlichen Geld-geschenke befriedigt, hassten in der Folge Osman wegen seiner refor-matorischen Maassregeln, seines Geizes, seiner Grausamkeit und derihm zugeschriebenen Absicht, diese Truppe aufzulösen, empörten sichim Mai 1622, setzten Osman ab und ermordeten ihn, und erhoben aber-mals den schwachsinnigen Mustaphal auf den Thron. Eine solcheGewaltthätigkeit der Janitscharen, welche zum ersten Male ihren vollen
*) Obgleich Suleiman d. Gr. (1520—1566) eigentlich der zweite war, nachdem ersten Sultan gleiches Namens {1402—1410), welcher aber nur dem Namen nachzu einer unruhigen Zeit der Bürgerkriege zwischen ihm und seinen drei Brüdern, denSöhnen B aj azid's I, regiert, und fast diese ganze Zeit nur in träger Unthätigkeit undLüderlichkeit zugebracht hatte, bis er durch seinen Bruder Musoj a (s. 2. Abtheil.III. Bd. Allgemeine Kriegsgeschichte des Mittelalters) besiegt und getödtet wurde,— so hat dieser Suleiman (Soliman) d. Gr. doch, wenn nicht der Zeit, so demVerdienste nach mehr Anrecht, als der erste Sultan dieses Namens bezeichnet zuwerden.