2. Polen und Lithauen, Kasaken, Tataren, Türken. 97
Die öffentliche und die Heeresverfassung, Sitten und Gebräuche derSaporoger Kasaken entwickelten sich historisch vollkommen eigenartig.Vor Allem ist zu bemerken, dass die Saporoger zwei gänzlich verschiedeneGemeinden bildeten: die Saporogische oder Ssjätsch (wahrscheinlichvon Sassjäk, Verhau, Flechtwerk, Zaun, womit die Wohnungen oderKureni, Dörfer, umgeben waren), und die Chutora oder Simowniki*).In der Ssjätsch lebten nur unverheirathete Kasaken, welche fast aus-schliesslich sich mit dem Kriege beschäftigten, in den Chutoren dagegendie verheiratheten, welche auch unter dem Namen ukrainische be-kannt sind. Organisation, Sitten und Gebräuche dieser Letzteren warenim Wesentlichen dieselben wie bei den kleinrussischen Kasaken; in derSsjätsch dagegen hatten sie eine besondere Form. Das ehelose Leben derSaporoger würde zur Verminderung und schliesslich zum Untergange ihrerGemeinde geführt haben, wenn sich letztere nicht aus benachbarten undso-gar entfernten Gegenden, Klein- und Grossrussland, Polen, Deutschland,Italien, Frankreich , selbst der Krym und der Türkei ergänzt hätte, —die Zuzügler mussten nur die rechtgläubige Keligion annehmen und, wieBeauplan**) angiebt, Proben von Kühnheit und Gewandtheit gegebenhaben, indem sie die Porogi (Wasserstrudel, Fälle) dem Strom entgegendurchschwammen. Bisweilen entführten die Saporoger selbst Knabenaus der Ukraine und Polen, häufig sogar Weiber und Mädchen, die Söhnederselben nahm der Vater dann zu sich, die Töchter verblieben bei derMutter.
Das Gebiet der Saporoger dehnte sich im 17. Jahrhundert nachWesten bis zu den Flüssen Sinjucha und Bug aus, den Grenzen dertürkischen Provinz Otschakow, nach Norden und Nordosten bis an dieGrenzen von Grossrussland, im Südosten bis an das Gebiet des donischenHeeres, im Süden endlich bis zur nogaiischen Steppe (Budshak), wo dieSaporoger mit den Budshaker Tataren in beständigem Kampfe lagen.Auf diesem Räume hausten die Saporoger in folgenden Ssjätschen undKurenien : 1) In Kanjew, 2) in der Tscherkassischen, 3) in derPjerewo-lotscher, 4) auf der Chortizer Insel, 15 Kilometer unterhalb der Strom-schnellen (Porogi), 5) an dem Flusse Tomakowka zwischen dieser Inselund Staraja Ssjätsch, 6) bei Nikitini Rog (heutiges Nikopol), 7) in Sta-raja Ssjätsch an dem Flusse Tschermolyk, nahe dem Dnjepr, 8) andem Flusse Kamenka (wo heute Bjerislawl liegt), 9) an der Grenze(urotschischtsche) Aleschki, beim heutigen Cherson, auf der Krym-
von Klein- und Gross-Eussland sind unten bei der Darstellung der Kasakenkriegeund der russisch-polnischen Kriege des 17. Jahrhunderts angeführt.
*) Landhaus, Vorwerk, Winterhaus. Anro. d. Ueb.
'**) Beauplan : D6scription de l'Ukraine au 17m« siede.
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. I. Supplem. 7