72 I. Kriege von 11513—1659.
brachte das Reich an den Rand des Verderbens: König Karl X Gustavvon Schweden eroberte es mit Warschau und Krakau durch Waffen-gewalt, der russische Zar Alexei Michailowitsch bemächtigte sichzur selben Zeit und in derselben Weise Lithauen's mit Wilna und andernStädten. Dadurch aber, dass er danach seine Waffen gegen die Schwe-den in Lithauen kehrte und gleichzeitig sich die Timowskische Conföde-ration in Polen bildete (s. u.), wurde dieses Reich vorläufig noch vorgänzlichem Untergange gerettet, übrigens nur, um die Anarchie nochmächtiger werden zu lassen. Zu dieser Zeit der häufigen politischen undmilitärischen Conföderationen*) gerieth das Heer Polen-Lithauen's invollkommene Desorganisation. Die Kühnheit der militärischen Confö-derirten ging so weit, dass sie 1663 forderten, es solle der Geistlichkeit ihrBesitz fortgenommen, und ihren eignen Führern der Eintritt in den Reichs-tag gestattet werden. Johann Kasimir konnte diese Gefahr nur da-durch abwenden, dass er den Conföderirten 9 Millionen Sloty (polnischeGulden), neue Münze von geringerem Werthe, auszahlte '').
Unter seinem Nachfolger Michael Wischnewjezky (1668bis 1673) (oder Wisnjowiecki), dessen Regierungszeit sehr unruhig war,
*) Conföderation (aus dem Latein. = Bund) Messen in Polen bewaffneteVerbindungen von Solchen, die mit den Maassregeln und Handlungen des Königsoder Reichstages unzufrieden waren. Ursprünglich hatten sie (seit 1374) den Zweck,die Rechte des Volkes gegen die oberste Gewalt des Königs zu schützen, wenn erdie »pacta conventa« verletzte, mit der Zeit aber erhielten sie eine weitere Bedeutungund wurden entweder politische, oder militärische, oder dissidentische(religiöse). Die politischen wurden zuerst, 1374, Transactionen genannt, seit1382 einfach Versammlungen (sj äsdy); von 1537—1609Messen sie Rokosehy(von dem Rokosch-Thal beiPesth in Ungarn, wo die Ungarn bei dringenden Umstän-den allgemeine Volksversammlungen abhielten). Da aber das Wort Rökosch in densüdslawischen Mundarten Aufruhr bedeutete, so begann man seit 1609, als Sig-mund III die Volksbeschlüsse für gesetzlich erklärte (liberum veto), diese Bünd-nisse »Conföderationen« zu nennen. Es gab deren sehr viele : kam es doch vor, dassdie einzelnen Städte und sogar Flecken ihre eigne Conföderation bildeten und überganz Polen sich ein Netz derselben ausdehnte. Die bedeutendsten waren: dieW elikop olskaj a (Grosspolnische) 1374, Radomskaja und Wislizkaja13S2, die Lwowskaja 1537, die Stenshizkaja und Wislizkaja 1606, dieTi schowskaj a 1665, die für den Fürsten Ljubomirski 1655, und die Golembs-kaja 1672 (die folgenden fallen schon in den Anfang des 18. Jahrhunderts). Diepolitischen Conföderationen waren zugleich militärische, denn sie wurden durch dasHeer und mit Waffengewalt unterstützt. Eigentliche Truppenconföderationen imHeere, meist in Folge von Nichtzahlung des Soldes, waren einfacheTruppenmeutereien,kamen sehr oft vor, fast in jedem Kriege und jedem Feldzuge, und waren mit schreck-lichen Unordnungen verknüpft: die Truppen weigerten sich, weiter zu dienen, bisihr Sold ausgezahlt und ihre sonstigen Forderungen erfüllt waren, raubten, plün-derten, mordeten u. s. w.
**] Ein Sloty hatte unter Bathori, 1578, den Werth von 9 heutigen, da-mals aber wahrscheinlich viel weniger.