Druckschrift 
Abth. 3, Die Neuzeit Supplement 1 (1882) Russische Kriege im 17. Jahrhundert
Entstehung
Seite
71
Einzelbild herunterladen
 

2. Polen und Lithauen, Kasaken, Tataren, Türken. 71

noch nach Organisation und Geist war das Heer im Stande, die äussere.Sicherung des Staates zu übernehmen und dessen äussere Feinde,Schweden, Bussen, Kasaken, Tataren, und Türken abzuwehren. Ful-das Innere aber des Staates war es durch seinen unruhigen Geist, seineZügellosigkeit und Neigung zu Empörungen eine grössere Drohung undSchrecken, als die äusseren Feinde.

Sigismund III Wasa (1586 1632) leistete während seiner46jährigen für Polen und Lithauen so unglücklichen Regierung dem Allenwesentlichen Vorschub. Dieser »König-Missionär«, wie Gustav Adolphihn nannte, bekümmerte sich weit mehr um die Bekehrung der Dissiden-ten in Polen und Lithauen zum Katholicismus, als um die Regierung unddie Interessen dieser Länder und ihres Heeres. Anfänglich beschäftigteer sich zwar mit der Gesetzgebung, erliess ein neues Lithauisches Statut,Hess die Krongesetze Umdrucken und gab deren viele andre, allein sieblieben todte Buchstaben, weil Niemand, weder im Heere noch im gan-zen Staate, sie befolgte. Unter ihm und seinen Söhnen Wladislaw IV(1632 1648) und Jano (Johann) II Kasimir (16481668) be-fand sich das Heer in steter Empörung, forderte Sold, den es nicht erhielt,verweigerte zu dienen, folgte den Führern nicht, hinderte die Kriegs-unternehmungen und legte sie gänzlich lahm. Viel hatten daran dieReichstage und die Schljachta Schuld: so zog Wladislaw 1645, inder Absicht, entschieden gegen die Krym-Tataren vorzugehen, aufKosten der Aussteuer seiner zweiten Gemahlin, Maria Gonzagavon Mantua, ungefähr 14 000 Mann Soldtruppen zusammen, aber dieSchljachtazwang ihn 1646, dieses Heer zu entlassen und sich zu verpflichten,»ohne Einwilligung des Reichstages weder Krieg zu fuhren noch Friedenzu schliessen.« Trotz dieser Einengung seiner Macht that indessenWladislaw persönlich soviel er vermochte, und wirkte manches Gutefür den Staat im Ganzen, aber namentlich auch für dessen Vertei-digung und für das Heer im Besondern. So liess er u. A., um denkleinrussischen Kasaken und Bauern den Durchzug aus der Ukraine nachSaporogien zu verwehren, auf dem rechten Dnjeprufer, da wo die Was-serfälle beginnen, eine Festung erbauen, welche den Namen Kodakoder Koidak (bei polnischen Schriftstellern Kudak) führte. Uebri-gens wurde diese Festung im folgenden Jahre von den Kasaken genommenund zerstört. Wladislaw vervollkommnete ganz besonders auch diepolnische Artillerie in Bezug auf Dienst und Leistungen. Gegen Endeseiner Regierung aber erkaltete, in Folge des unausgesetzten Widerstre-bens von Reichstag und Schljachta, sein Interesse für das Loos und dasWohl des Staates und seiner Truppen.

Während der 20 jährigen Regierung seines jüngeren Bruders JohannII Kasimir erreichte die Anarchie in Polen den höchsten. Grad und