1. Das russische Reich im 17. Jahrh. (1613—1689). 67
waren die Erfolge einer verständigen und sittlichen Thätigkeit nur sehrschwach, ja gleich Null. Die höchsten Klassen zeichneten sich aus durchmaasslosen Stolz, Anhänglichkeit an das Alte. Verachtung alles Fremden,asiatischen Luxus und Unbildung (mit einigen seltenen Ausnahmen).Die mittleren und unteren Klassen standen unter dem Drucke von Aber-glauben und Vorurtheilen. Ueberhaupt aber alle waren, wie altgläu-big und den alten Satzungen anhängend, so auch eingewurzelteAnhänger der alten Gebräuche, lebend und handelnd wie dieVäter und Grossväter. In den allerhöchsten Ständen herrschteunbegrenzt die verderbliche Mjästnitschestwo (Rangstreit), dieseQuelle vieler und schwerer Uebclstände. Diese wurde beseitigt, jedocherst 7 Jahre vor Peter's I Regierungsantritt, und wenn die Adelsbücherauch verbrannt wurden, so erlosch darum doch der nachtheilige Geistder Mjästnitschestwo noch lange nicht, sondern erhielt sich geraumeZeit. Indessen, dieser Rangstreit wurde, wenn auch langsam und mitMühe, abgeschafft, aber das Kriegs-Lehns-System blieb, voll undunverändert. Nun war die Mjästnitschestwo in den Sitten und Gewohn-heiten der obersten Klasse allein eingewurzelt, — das Kriegs-Lehns-System , lediglich ein Ausfluss des Wunsches der Regierung, eine mög-lichst grosse Streitmacht, wenn auch ungenügend organisirt, aufzu-stellen, gereichte gleichfalls der höchsten Klasse zum Vortheil, aber auspersönlichen Anschauungen und Berechnungen. In den Gefühlen undNeigungen der mittleren und niederen Klassen hatte es nicht Wurzel ge-schlagen, im Gegentheil, es war für diese lange eine Last, eine verderb-liche Pflicht, eine schwere, kaum zu ertragende Schädigung gewesen.Die Regierung aber und hauptsächlich die höchsten Klassen besassen inderselben ihre dominirende und entscheidende Macht, sie legten alsonicht Hand an das Kriegs - Lehns - System, wie sie sie an die Mjästni-tschestwo gelegt hatten, und so ging es als Erbschaft auf Peter I über.Die Mängel desselben wurden bereits geschildert, es ist überflüssig daraufzurückzukommen. Nur das ist noch anzuführen, dass in kriegerischerHinsicht dieses System die Quelle grosser Unregelmässigkeiten und Un-zuträglichkeiten im Heere war, welches immer und'überall, um so mehraber in Russland im 17. Jahrhundert und unter den damaligen Umstän-den , ohne Organisation und Ordnung einem Körper ohne Seele zu ver-gleichen ist. Es stand als unüberwindliches Hindemiss jeder Vervoll-kommnung des Heeres und des Kriegswesens in Russland nach demMuster Westeuropa's entgegen. welche doch unerlässlich war, damitRussland nicht nur die Tataren , sondern auch die Schweden. Polen undTürken mit Erfolg bekämpfen konnte. So lange dieses System aberbestand, war jeder Erfolg in der Organisation des Heeres und im Heer-wesen sehr schwer und unsicher, wenn nicht ganz unmöglich. Dazu
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