1. Das russische Eeich im 17. Jahrh. (1013—1689). 65
ungewöhnlich muthige und tollkühne Ausfälle, verschiedene Kriegslisten,weise innere Maassregeln in Bezug auf Eintheilung und Beschäftigungder Besatzung und der Bewohner. — Alles wurde dann mit ausserordent-licher Energie ausgeführt, um die Verteidigung bis aufs Aeusserstedurchzusetzen. Alle Beschwerden und Nöthe der Einschliessung oderBelagerung, alle Anstrengungen , Entbehrungen , Hunger und Durst,Krankheit und Tod wollten sie lieber erdulden, als sich ergeben. Bei-spiele solcher hartnäckigen Vertheidigungen giebt es weit mehr, alssolche von geschickten und erfolgreichen Belagerungen.
Die dem Feinde abgenommenen Kriegsgefangenen wurden in dieverschiedenen Provinzen des Keiches geschickt, um diese zu bevölkern,oder sie wurden in Moskau und den grossen Städten in Pfahlumzäunun-gen oder Höhlen (Ostrog, Jam) mit äusserster Strenge und sogarGrausamkeit (wie fremde Schriftsteller bezeugen) in Fesseln zusammen-gehalten, wo sie von Almosen mitleidiger Menschen lebten. Die vomFeinde ergriffenen russischen Kriegsgefangenen erhielten ihre Freiheitnicht anders als gegen Lösegeld, welches für die aus dem Schatze Löh-nung Erhaltenden (Strelitzen, Fremde und Soldaten) von der Regierung,— für die keinen Sold Empfangenden von den Statthaltern, Erbherrnund Lehnsherrn gezahlt wurde. Im ersteren Falle bekamen die Weiberder in Sold stehenden Kriegsgefangenen das halbe Gehalt ihrer Männer,die andere Hälfte wurde an Letztere nach Rückkehr aus der Gefangen-schaft ausgezahlt. Mitunter erfolgte auch Loskauf oder Austausch derGefangenen von beiden Seiten durch Vertrag. Das Loos aber der denKrymtataren in die Hände gefallenen russischen Kriegsgefangenen, ihrerWeiber und Kinder war ein schreckliches: sie wurden haufenweise indie Krym und Türkei als Sklaven geschleppt und in schwerer Sklavereigehalten.
§.8.Schluss.
Die Kriegsorganisation und das Heerwesen Russland's in derletzten 77jährigen Periode (1613—1689) seiner älteren Kriegsgeschichtemussten in möglichster Ausführlichkeit von allen Seiten und in jederBranche betrachtet werden. Sie verdienen dies, denn sie sind der Aus-druck der letzten und höchsten Entwicklung des Kriegs-Lehns-Systems,welches durch Johann Iwan) III eingeführt und durch Johann(Iwan) IV besonders entwickelt worden war, und zu welchem dann(im 17. Jahrhundert,; einige Anfänge der damaligen westeuropäischenHeeresorganisation getreten waren. Auf der letzten Stufe ihrer Entwick-
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. I. Supplem. 5