1. Das russische Keich im 17. Jahrh. (1613—1689). 63
waren, wie das aus der grossen Anzahl von Festungsgeschützen allerArten und Grössen ersichtlich ist.
Die kleineren Festungen, Städte, Ostrogi, Ostroshki u. s. w. wurdennach demselben Modell, aber aus Holz erbaut, d.h. aus hölzernen, mitErde gefüllten Blockhäusern (Gehäusen, s. oben) mit Graben, Zaunund ebenso hergestellten hölzernen Thürmen für Vertheidigung mit Arm-brust und Bogen, einige auch für Geschütze und Gewehre.
Bei der Belagerung und Vertheidigung von Festungen und Städtenverschiedener Grösse ist bereits ein gewisser Einfluss der westeuropäischenGeschütz- und Ingenieurkunst bemerkbar, mehr übrigens in der Verthei-digung, als bei der Belagerung. Dies kam daher, dass diese Belagerun-gen und Vertheidigungen bei uns grösstentheils durch fremde Artille-risten und Ingenieure geleitet wurden, unter Beihülfe russischerZöglinge und Gehülfen; eigene russische Artilleristen und Ingenieuregab es nicht.
Der gewöhnliche Verlauf solcher Belagerungen bei uns war derfolgende : zuerst EinSchliessung der Festung oder Stadt, entweder engauf allen Seiten (was übrigens selten geschah) oder weitläufig vermittelsteiniger befestigter Lager, welche mit einander durch einzelne kleine ge-schlossene Schanzen in Verbindung standen, dazwischen Feldtruppenzu Fuss und zu Pferde, um alle Verbindungen des eingeschlossenen Ortesmit dem Lande abzuschneiden und die Besatzung oder die Bewohner zurUebergabe zu zwingen. Bei solcher Einschliessung wurden die befestig-ten Lager und isolirten Schanzen in der angegebenen Weise wie Feld-schanzen (Erd- oder Holz-) erbaut, aber in grösseren Dimensionen inBezug auf Umfang, Höhe und Stärke der Thürme und Wälle, auf Breiteund Tiefe der Gräben, also mit einem Wort; von stärkerem Profile. Siewurden dem Terrain, hauptsächlich wo dieses die Festung oder Stadtüberhöhte und dominirte, und ebenso den verschiedenen Eigenschaftenund Hindernissen des Terrains (Flüsse, Bäche, Schluchten, Wälderu. s. w.) angepasst. Ferner wurden sie zugleich für das weite und naheArtilleriefeuer eingerichtet, wobei grosse Schanzkörbe den Haupt- understen Schutz bildeten, die von Fussratnyks (Soldaten) gewälzt wurden,welche Gewehre oder Musketen trugen (meist Strelitzen und Soldaten).Sobald die Schanzkörbe aufgestellt waren, wurden sie mit Erde aus da-hinter ausgehobenen Gräben gefüllt und Geschützbatterien dahinter auf-geführt, Alles bei Nacht. Mit Tagesanbruch eröffneten die Batterien ihrFeuer gegen die Mauern und Thürme der Stadt, während Strelitzen undSoldaten auf die Belagerten schössen. Dieses Geschütz- und Gewehr-feuer hielt fast ununterbrochen Tag und Nacht an , ohne Munition zuschonen. Zugleich wurde aus dem Hauptlager oder dem dazu günstig-sten der Hauptangriff unternommen, vorzüglich durch Artillerie- und