1. Das russische Reich im 17. Jahrh. (1613—1689). 35
heeressystem musste aufgegeben werden; und wie viel Mühe machtenicht schon bloss die erst zu Ende des 17. Jahrhunderts vollendete Besei-tigung der Vorrangstreitigkeiten (Mjästnitschestwo*)) ! So kam es denn,dass die Mehrzahl der Truppen im Frieden nur wenig, der kleinere Theileinigermassen in der regelmässigen Aufstellung und Kampfart geübt undim Kriegswesen überhaupt ausgebildet war. Das wird bestätigt durchdie über Russland im 17. Jahrhundert schreibenden Ausländer und Russensowie durch die kriegsgeschichtlichen Thatsachen selbst. Allgemein er-giebt sich daraus nun für die Truppenarten das Folgende:
Reiterei. Der grösste Theil aller Klassen der Kriegs-Provinzial-abtheilungen hielt in Formation und Kampfart an dem alten, seinerZeit hier ausführlich angegebenen Gebrauch fest. Regelmässig war beidieser Art Nichts, man »focht im Feuergefecht und Handgemenge«, warfsich auf den Feind nach »Kasakenart«, richtiger gesagt nach »Tataren-art«**) in ungeordneten dichten Haufen, suchte durch das Handgemengedie Sache zur Entscheidung zu bringen, im Fall des Misserfolges aberhinter das Fussvolk oder zur Bagage zurück zu jagen, oder auch ganzdas Feld zu räumen.
Der geringere, aus der regulären Reiterei und den Dragonern be-stehende Theil der Cavallerie kämpfte in regelmässigerer Formations-art, ebenso wie es bei den Schweden und Polen gebräuchlich war. Aberdiese russische reguläre Reiterei war im Verhältniss zu der ganzen rus-sischen Heeresmacht an Zahl sehr gering.
Alle andern Gattungen der russischen Reiterei waren irregulär, wieihre Formation und Kampfart.
Fussvolk. Die Strelitzen waren verpflichtet in geschlossenerOrdnung zu exerziren und mit Büchsen und Musketen nach der Scheibezu schiessen, unter Aufsicht ihrer Offiziere, von denen die höheren bis-weilen Besichtigungen vornahmen. Aber die Strelitzen hatten so vieleverschiedenartige Beschäftigungen und Verrichtungen zu leisten, welchesich nur wenig oder gar nicht auf das Kriegswesen bezogen, dass ihrExerziren und ihre Besichtigungen wahrscheinlich nur von geringer Bedeu-tung waren, dass sie Dienst und Schiessen nur Einer dem Andern, die Jun-
*) Mjästnitschestwo ist durch «Streit um die Ehrenrechte der verschiede-nen Eangklassen« nur annähernd übersetzt, denn diese Streitigkeiten erstrecktensich auch noch über die Rangstufen der Väter und Vorfahren der betreffenden Per-sonen u. s. w. Mjästnitschestwo = Rangstreit, Streit über den Vorrang im Dienstwegen der Geburt, des Alters der Familie, und des Ranges. Anm. d. Ueb.
**) Denn die kleinrussischen Kasaken hatten jede Gattung ihre besondere Kampf-art : lawische, bato wisch e u. s. w.
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