1. Das russische Reich im 17. Jahrh. (1613—1689). 33
§.5.Aufstellung und Kampfweise der Truppen.
Aus dem über die russische Cavallerie, Infanterie und Artillerie Ge-sagten kann man schon vorläufig sich einen Begriff machen von 1) ihrerKriegsvorbereitung im Frieden, und 2) ihrer Kampffähigkeit, Aufstellungund Kampfart im Kriege.
Die nicht stehenden Provinzialtruppen (irreguläre Schaaren), welchedie Mehrzahl des russischen Heeres ausmachten und nur für die Zeit einesKrieges oder Feldzuges einberufen waren, lebten die ganze übrige Zeit aufihren Lehns- und Erbgütern als friedliche Bürger bei ihren ländlichenBeschäftigungen, Gewerben und Handel, und hatten keine Zeit nochNeigung oder Verpflichtung, sich für den Kriegsdienst auszubilden. DieEinbeorderung zu demselben, die sie von diesen friedlichen Beschäftigun-gen fortnahm, ihre materiellen Interessen schädigte, ja sogar sie ingrosse Ausgaben für ihren Unterhalt und Ausrüstung für die Kriegszeitstürzte, musste natürlicherweise zur Folge haben: 1) Unlust oder Wider-willen zum in den Krieg ziehen, da der Krieg nicht nur als eine grosseLast, sondern als ihr direkter Ruin angesehen wurde; 2) das Bestreben,sich mit allen möglichen, meist ungesetzlichen und hässlichen Mittelndem Kriegsdienste zu entziehen; 3) bei denen, welche sich ihm nicht ent-zogen, eine gänzliche Nichtvorbildung dazu, vollkommene Unwissenheitvom Kriege und Kriegswesen, Mangel an Disziplin, an kriegerischemGeiste, an Anhänglichkeit an ihre Fahnen, an Gefühl für kriegerischePflicht und kriegerische Ehre. Kurzum, dieseProvinzialaufgebote warenKrieger nur aus Pflicht, Zwang, nur der Bewaffnung und dem Namennach, sie verstanden weder mit ihren Waffen umzugehen, noch in regel-mässiger Ordnung zu fechten und gegen den Feind Erfolge zu gewinnen,ja sie waren kaum im Stande, sich mit Muth und Ausdauer im offenenFelde gegen ihn zu wehren. Es wäre möglich gewesen, sie schon inFriedenszeiten zum Kriege vorzubereiten, wenn sie öfter oder wenigstensdoch ein Mal im Jahre zu kriegerischen Uebungen zusammengezogenworden wären. Aber das geschah nicht, denn die wenigen oberfläch-lichen, nur über einzelne Truppentheile abgehaltenen Inspizirungen konn-ten durchaus nicht als kriegerische Vorbereitungen gelten, und für die Masseder Provinzialkriegsaufgebote gab es solche also gar nicht.
Bei der Minderheit des Heeres, — den stehenden Truppen, Stre-litzen-, Fremden- und Soldaten-Regimentern — wurden im Frieden Kriegs-iibungen getrieben, aber in solch unzulänglichem Maasse, dass mandenselben keine grosse Bedeutung beilegen kann. Die Strelitzen waren,
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. I. Supplem. 3