10. Die Kriegswissenschaft, ihre Geschichte u. Literatur. Lloyd's System. 321
Diese ganze Grenze theilt Lloyd in drei Theile: der erste decktFinnland von Seiten Schwedens, der zweite erstreckt sich von der Düna-rnündung bis Smolensk, und der dritte von Smolensk bis zum schwar-zen Meere.
Das russische Finnland auf der linken Seite der Kymmene ist zurVerteidigung vermittels einer geringen Truppenzahl gegen überlegeneStreitkräfte der Schweden sehr geeignet, um so mehr, als die Russenimmer die Letzteren umgehen können, indem sie in ihrem Rücken einaus Kronstadt zu Wasser abgesandtes Truppencorps landen lassen. DieOperationslinie der Russen von St. Petersburg über Wiborg bis Friedrichs^ham am Flusse Kymmene, 50 Lieues (200 Werst) lang, ist fast drei Malkürzer als die Operationslinie der Schweden von der Kymmene über Abound den bottnischen Meerbusen bis Stockholm, 130 Lieues (520 Werst)lang. Die crsterc hat bequeme Communicationcn sowohl zu Lande alszu Wasser mit Kronstadt, Narwa, Reval u. s. w. Die Schweden abermüssen Alles von jenseits des bottnischen Meerbusens beziehen. Ziehtman alle diese Umstände in Betracht, sowie Russlands bedeutendesUebergewicht an Streitkräften und Mitteln, so ist es leicht begreiflich,dass Schweden nicht im Stande ist, mit Erfolg einen Angriffskrieg gegenRussland zu führen und andererseits länger als einen Monat seine eige-nen Grenzen zu vertheidigen.
Die russische Grenze von St. Petersburg bis Riga, wo sich Narwaund Reval befinden, wo das Meeresufer erhöht und für grosse Schiffegefahrvoll ist und wo sich endlich beständig gegen 50,000 Mann Truppenin Quartieren befinden, ist völlig geschützt.
Das Land von Riga die Düna entlang bis Smolensk ist nicht wildund unfruchtbar wie Finnland, aber ebenso wie dieses von Seen, Wäl-dern, Sümpfen u. s. w. bedeckt. Auf dieser Strecke der Grenze be-finden sich nur zwei Punkte, über welche der Feind ins Innere desLandes eindringen kann, nämlich Riga, der Schlüssel von St. Peters-burg, und Pleskow, der Schlüssel von Nowgorod und Moskau. NachLloyd's Meinung muss der Verlust Pleskows den Verlust der früherenschwedischen Gebiete (Livland, Esthland und Ingermanland) nach sichziehen; auch wäre Pleskow in anderer Hinsicht sehr wichtig, nämlichwenn die Russen seitens der Preussen einen Angriff zu erwarten hätten.Aber der wichtigste Punkt dieses Theiles der russischen Grenze ist Smo-lensk, welches, obgleich schwach befestigt, nur 35 Lieues (140 Werst)von Moskau entfernt ist (was nicht richtig ist, weil die Entfernung vonSmolensk bis Moskau 392 Werst beträgt), welches als Communications-punkt St. Petersburgs oder des nördlichen Russlands mit dem südlichendient. Nach der Meinung Lloyd's muss die Eroberung Moskaus den Falldes ganzen Reiches nach sich ziehen (! ?) und wenn Karl XII., im Besitze
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. III, 3. 21