306 HI. Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Melden und von ihm steht dann Alles zu erwarten. Aber wenn er langeZeit einer grossen Gefahr unterworfen ist und die Möglichkeit voraussieht,ausweichen zu können, so desertirt er, weil der Gedanke an die gegen-wärtige Gefahr auf ihn stärker wirkt, als der Gedanke an die fernliegendeStrafe, der er zu entgehen hofft. Sogar ein ganzes Truppendetachementhat diese Furcht vor Strafe nicht, weil man ein ganzes Detachement nichtbestrafen kann und so jeder Soldat der Strafe zu entgehen hofft. Daherkann die Furcht nur in Fällen der Verzweiflung als starker Antrieb er-achtet werden, während das Streben zur Befriedigung der wirklichen Be-dürfnisse und zur Erreichung der möglichst höchsten Glückseligkeit nie-mals im Menschen aufhört. Dieses Streben kann auch als Werkzeugzum Antriebe des Soldaten und jedes Menschen zu grossen Thatendienen, wenn nur ihre gesellschaftliche Stellung dies erlaubt.
Das Gefühl der Ehre ist das Streben sich allgemeine Achtung zuerwerben, und das Gefühl der Schande die Befürchtung diese zu ver-lieren. Jeder Stand in der Gesellschaft hat seine besondern Eigen-schaften , die ihm Achtung verschaffen; im Militärstande sind dieseEigenschaften Tapferkeit und Todesverachtung. Der allgemeine Nutzendieser Eigenschaften für die Gesellschaft dient als Quelle der mit ihnenverbundenen Ehre. Die Gefühle der Ehre und der Schande, die tief dasMenschenherz durchdrungen haben, wirken stärker als die Todesfurchtund erzeugen alles Grosse und Ruhmreiche. Nach Massgabe der Er-höhung der Gemeindestände vergrössert sich auch die Zahl und derWerth ihrer Impulse. Der höhere Stand hat zumeist die besserenAntriebe; der niedere besitzt ausser Furcht und physischer Bedürfnissegar keine andern Antriebe. Daher muss man bemüht sein dein Soldatendas Gefühl für Ehre und Schande einzuflössen oder mehr allgemeine An-triebe suchen, die im gleichen Maasse auf alle Stände, auf alle Menschenwirken würden.
Wenn ein Volk durch Eigennutz und Laster verdorben ist, wird dieGewinnsucht am allerthätigsten, weil das Geld ein Mittel zur Beschaffungalles Erwünschten ist. Mit der Vergrösserung der Leidenschaft nachGeld, verlieren Ehre und Tugend nach und nach ihre Kraft und ver-schwinden schliesslich. Da man nun die Menschen nicht umwandelnkann, so muss man auch zu ihrem Antriebe die ihren Ansichten überGlück und Zufriedenheit am meisten entsprechenden Mittel, jedoch klugund ohne Ueberfluss, anwenden. Dies bezieht sich besonders auf dieTruppen. Eine durch Beute bereicherte und mit Gepäck belastete Ar-mee wird verweichlicht und ungehorsam. Der Soldat erträgt grosse Ge-fahren und Beschwerden, er verdient grosse Belohnungen, grossen Ge-nuss: aber es ist nöthig. dass dieses Alles ihm schnell und nicht langanhaltend geboten, und dass seine Wünsche mehr erregt als befriedigt,