10. Die Kriegswissenschaft, ihre Geschichte u. Literatur. Lloyd's System. 293
seine Zuflucht nehmen zu müssen, vorhanden waren, und dass es nöthigsei, diese neuen Erwägungen und Mittel zu erforschen, aus dieser For-schung allgemeine Regeln zu entnehmen und nachdem diese zusammen-gefasst, aus ihnen, abgesondert von der Taktik, eine neue und besondereWissenschaft zu bilden, welche als Anleitung sowohl für die obenerwähntenCombinationen, als auch im Allgemeinen zur Kriegführung im neuern Geistedienen könnte. Daher findet man schon bei allen bessern Kriegsschrift-stellern am Ende des 17. und in der grössern Hälfte des 18. Jahrhundertsviele Gedanken und Eegeln, die sich unmittelbar auf die neuere Kunstder Kriegführung beziehen. Aber alle diese Gedanken und Regeln, nochzerstreut ohne jegliche Ordnung und ohne Zusammenhang unter einander,bilden kein allgemeines Ganze. Der Erste, der am Ende des 18. Jahr-hunderts diese sammelte und in systematischer Ordnung darstellte undsomit den Grund zur Theorie oder Wissenschaft der neuern Kriegführunglegte, war Lloyd.
§. 123.
Lloyd und seine militärischen Schriften.
Henri Lloyd wurde im Jahre 1729 in der Grafschaft Wales vonarmen und nicht vornehmen Eltern geboren. Er erhielt eine ausge-zeichnete Erziehung und, von Natur mit ungewöhnlicher Begabung aus-gestattet , bereicherte er seinen Verstand mit sehr verschiedenen gründ-lichen Kenntnissen in allen Zweigen der moralisch-politischen undphilosophischen Wissenschaften, darunter auch in den mathematischenund Militärwissenschaften, wurde durch mehrere gründliche Schriftenbekannt und hätte einer der bemerkenswerthesten Staatsmänner Englandswerden können. wenn nicht besondere ungünstige Umstände ihn darangehindert hätten. Seine Armuth verschluss ihm den Zutritt ins Parla-ment und die Käuflichkeit der Officierspatente die Beförderung in derArmee, und der persönliche Charakter Lloyd's, der untauglich zulntriguenund Schmeicheleien war, bewog ihn noch in jungen Jahren, aber bei schonreifem Verstände, sein Glück in ausländischen Kriegsdiensten zu suchen.Zuerst bereiste er Frankreich, Italien, Deutschland, Portugal und Spanienund sammelte einen reichen Vorrath wichtiger und scharfsinniger Beob-achtungen. Die vorteilhafte natürliche Lage Frankreichs flösste ihmden wichtigen Gedanken über die natürlichen Grenzen der Staaten ein.der wahren Grundlage des politischen Gleichgewichts und FriedensEuropas. 28 Jahre alt, trat er in österreichische Kriegsdienste als Adju-tant des Generals Lascy (im Jahre 1757j, diente mit grosser Auszeich-nung, erhielt den Rang eines Hauptmanns der Jäger; dann zum Oberst-