Zehntes Kapitel.
Die Kriegswissenschaft. Der Anfang ihrer Geschichteund Literatur. Das strategische System Lloyd's.
§122.Der Anfang der Theorie oder Wissenschaft der Kriegführung.
Die Kunst der Kriegführung ist dem Kriege zeitgemäss. Sie be-stand zu allen Zeiten, war aber im Alterthum, im Mittelalter bis aufGustav Adolph, und in der Neuzeit von Gustav an, eine ganz verschie-dene. Da sie, wie auch die Kriegskunst im Allgemeinen, den höchstenGrad der Vollkommenheit bei den Griechen und Römern erreicht hatte,im Mittelalter sich aber im Verfall befand, aus welchem sie sich erst im15. Jahrhundert wieder erhob, und da die Erfindung des Schiesspulversund die Einführung der Feuerwaffe, welche den Grund zur neuern Kriegs-kunst legten, erst nach fast drei Jahrhunderten den Charakter der neuemKriegführung gänzlich änderten, so bietet die Kunst der Kriegführungeigentlich zwei Haupt-Arten oder zwei Hauptformen dar, die wesentlichvon einander verschieden sind, nämlich die eine im Alterthum bei denGriechen und Römern, und die andere von der Mitte des 17. Jahrhundertsan bei den europäischen Völkern.
Der Unterschied zwischen ihnen bestand in Folgendem:Bei den Griechen und Römern waren die Armeen nicht zahlreich, undihrer Einrichtung und Verpflegungsart nach fanden sie tiberall. wo auchder Krieg geführt werden mochte, hinlängliche Mittel zu ihrer Verpflegungund selten waren sie in die Notwendigkeit versetzt, Proviant-Vorrätheaus entfernten Gegenden herbeizuführen. Die Waffen der Alten bliebenihrer Einfachheit wegen nicht nur sehr lange brauchbar, sondern konntenauch überall, wo sich die Armeen befanden, ausgebessert sogar theilweiseneu angefertigt werden, und erforderten ihrer Eigenschaft nach weder dieZufuhr von Munition noch von anderen Kriegsvorräthen. Aus diesenGründen hatten die griechischen und römischen Heere es nicht so nöthigFestungen und Niederlagen im Rücken zu haben: ihre Communicationen