Druckschrift 
Abth. 3, Die Neuzeit Bd. 3 (1875) Kriege der II. Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in West-Europa : 1740 - 1792 ; die Kriege Friedrich's des Grossen
Entstehung
Seite
263
Einzelbild herunterladen
 

8. Friedrich II., König von Preussen, von der Thronbesteigung bis zum Tode. 263

kam, nicht Eroberungssucht, sondern nur die Notwendigkeit war, dieSelbständigkeit und Unabhängigkeit Preussens zu beschützen und sicherzu stellen und demselben dasjenige, was ihm rechtmässig zukam, zuverschaffen, und dass sein Zweck das Wohl des Staates war, dient es,dass Friedrich grosse Massigkeit beim Abschlüsse des ersten Friedens(zu Dresden) an den Tag legte, dass er immer während der Kriege zurAussöhnung unter für Preussen vortheilhaften Bedingungen geneigt undbereit war, und dass der zweite Frieden vom Jahre 1745 und der drittevom Jahre 1763 nur Bestätigungen des ersten waren. Auf diese Weisewar der Krieg für ihn nicht der Zweck, sondern nur das Mittel zur Er-reichung eines für Preussen vortheilhaften Zweckes.

Seine ganze Jugend, besonders in der Zeitperiode vom Jahre 1730 anbis zur Thronbesteigung, dient gleichfalls als Beweis, dass seine persön-lichen Neigungen vielmehr auf friedliche als auf kriegerische Handlungengerichtet waren. Gezwungen, sich mit dem Frontcdienste zu beschäftigen,lernte er diesen genau, zugleich mit der Militärdisciplin und der Erfüllungder Militärpflichten kennen, aber er beschäftigte sich nicht besondersmit dem theoretischen Studium des Krieges, verfasste in Rheinsberg keineeinzige militärische Schrift und bereitete sich nicht zum Feldherrn vor.Dafür bildete und entwickelte er seinen Verstand und seine Willenskraft inden traurigen Begebenheiten seiner Jugend und in seinen ernsten Beschäf-tigungen in Küstrin und besonders in Rheinsberg so sehr, verdoppelte ihreKraft in dem Maasse, dass er dem Verstände den Willen unterwarf, solcheine Kraft über sich gewann und solch eine Charakterstärke erzielte,dass, als er nach seiner Thronbesteigung, 28 Jahre alt, König wurde,sicli plötzlich zugleich auch als grosser Feldherr von Geburt offenbarteund in dieser Hinsicht dasjenige an den Tag legte, was die Römer vonden Rednern und Poeten sagten [oratores fluni, poelae naseuntur, dieRedner werden gebildet, die Poeten geboren). Als Feldherr geboren,bildete er sich selbst, ohne fremde Hilfe, zu diesem hohen Berufe ausund zwar nach und nach mehr und mehr in jedem seiner drei Kriege, imsiebenjährigen aber erreichte er bereits die höchste Stufe der Vollkommen-heit. Und alles, was er durch diese Selbstbildung erreichte, hatte nichtdie Theorie, sondern die Praxis zum Ursprünge und keinen theoretischen,sondern praktischen Charakter. Er liebte nie ein besonderes Kriegs-system oder eine besondere Methode und hatte auch keine, sondernstellte immer die Kriegskunst unter die Zahl der sogenannten freienKünste (artes liberales, arts liberaux): er erkannte, dass sie nur wenigenradicalen Principicn oder Gesetzen unterworfen werden könne und dassalles Uebrige demnach Sache des persönlichen Verstandes und Willenssei. Alle seine Anschauungen und Begriffe über den Krieg, dessen ver-schiedene Operationen, über Truppen und den Feldherrn, sind aufs Um-