8. Friedrich IL, König von Preussen, von der Thronbesteigung bis zum Tode. 257
Ganz Preussen hüllte sich in tiefe Trauer und beweinte mit bitteren,uugeheuchelten Thräuen seinen grössten König.
§. 107.Friedrich's Charakteristik.
Friedrich II. starb 74 Jahre und fast 7 Monate alt, im 47. Jahreseiner Regierung. Wie oben erwähnt, übernahm er Preussen von seinemVater mit 3,000,000 Einwohnern auf einer Ausdehnung von 2190 Quadrat-meilen, mit 8,700,000 Thalern im Staatsschatze und mit einem Heerevon 76,000 Mann; 46y 2 Jahre später hinterliess er seinem NachfolgerPreussen mit 6,000,000 Einwohnern auf 3515 Quadratmeilen, mehr als70,000,000 Thaler im Reichsschatze, 200,000 Mann ausgezeichneterKriegstruppen, ein mächtiges Gewicht Preussens in allen europäischenAngelegenheiten, schliesslich einen durch seine Bevölkerung, Gewerb-thätigkeit, Bildung und seinen Wohlstand sehr gepriesenen Staat. Dasthatenreiche Leben Friedrichs flösste seinen Unterthanen und Zeit-genossen eine so hohe Achtung für sein Andenken ein. dass ihnen dieBenennung »der Grosse« nicht hinreichend erschien, sondern sie ihn»Friedrich der Zweite und der Einzige« benannten. Noch vor seinerThronbesteigung belehrt durch bittere Erfahrung und unterstützt durchdas Beispiel seines Vaters und von einem seltenen und ungewöhnlichenVerstände, der sich besonders in der Stille der Rheinsberger Zurück-gezogenheit entfaltet hatte, ergriff Friedrich mit mächtiger Hand dieZügel der Staatsregierung und erschütterte das ganze politische SystemEuropas, als er zur Wahrung seiner Rechte — als Glied des deutschenReiches — und seines königlichen Hauses gegen die Ansprüche und denDruck der kaiserlichen Macht zu den Waffen griff und den deutschenFürstenbund, ein Muster seiner Politik, ersann und bildete. Eins dergrössten Verdienste, die er dem Lande leistete, bestand darin, dass ersogar unter den schwierigsten Umständen keine Staatsschulden machte,und obgleich er einen bedeutenden Theil der Staatseinnahmen auf ver-schiedenen Wegen seinen Unterthanen wieder zukommen Hess, sobildete er doch eine solche Staatskasse, wie sie bedeutender bis dahinkeiner der Herrscher Europas besessen hatte. Zu seinen Mängelnrechnet man, dass er unzulängliche Achtung für die kirchlich-religiösenInstitutionen an den Tag legte, was seine Zeitgenossen geradezu alsNichtachtung der Religion auslegten. Aber dem setzt man entgegen,dass sein Herz und seine Seele, wie sein Leben und seine Schriften be-zeugen, immer höheren Gedanken der Religion offen waren, und dass,wenn während seiner Regierung die Bedeutung der Geistlichkeit sich
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. IU, 3. }*