238 in. Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
feindlichen Armeen sehr nahe von einander entfernt waren. Er vermochteLaudon nicht zum Kampfe zu zwingen, weil dieser die bergige Gegenddes Landes, die ihm auf jedem Schritt starke Vertheidigungspositionen bot,benutzte und ihm beständig auswich. Dabei konnte Laudon, dem Kampfeausweichend, sich sogar bis nach Königgrätz zurückziehen, ohne dassFriedrich einen Einfall nach Böhmen hätte machen können. Schliesslichwürde auch ein Sieg über Laudon wenig Nutzen gebracht, vielmehr ihmselbst grossen Verlust und Nachtheil zugefügt haben. Die russische Armeeaber wollte Friedrich nicht angreifen, da er aus Erfahrung wusste, dassdie Russen, nicht wie die Oesterreicher, dem Kampfe auswichen sondernmit ausserordentlicher Hartnäckigkeit kämpften, und dass ein Sieg überdiese dem Sieger theuer zu stehen kam. Dessenungeachtet kann man.wenn man in das Wesentliche des Feldzuges vom Jahre 1761 eingeht, sichleicht überzeugen, dass die Operationen Friedrich's, wenngleich defen-siver Art, dennoch den Charakter offensiver Operationen hatten. Dieswird dadurch bewiesen, dass das moralische Uebergewicht sich immerauf Seiten Friedrich's befand und dass die Verbündeten nicht ihn, son-dern er die Verbündeten, trotz ihrer Ueberlegenheit an Streitkräften,zwang, sich nach seinen Operationen zu richten, ihnen entgegen-zuwirken , die Erreichung des durch diese vorgesteckten Zieles zu ver-hindern, mit anderen Worten ganz im Sinne einer Defensive zu operiren.Niemals, sogar bei Liegnitz nicht, bot sich ihnen eine so günstige Ge-legenheit, den Krieg mit einem Schlage zu entscheiden, ja die Waffen-ehre forderte es, dass sie die preussische Armee angriffen, und wennsie trotzdem dies nicht wagten, so geschah es einzig in Folge des mäch-tigen moralischen Einflusses, den das Genie Friedrich's auf sie ausübte,und des unwillkürlichen Gefühls der Furcht, welches ihnen die Waffendes Letzteren einflössten. Dieser unerklärliche moralische Einfluss —der allen grossen Feldherren eigen ist — versetzte die Verbündeten inZweifel, Unruhe, Unthätigkeit und war für Friedrich nützlicher als Siege,weil er ihm keine Verluste verursachte. Friedrich wusste dies undfand darin einen neuen, starken Grund, sorgfältig dem Kampfe aus-zuweichen. Im Allgemeinen, wenn man den Feldzug von 1761 nur hin-sichtlich der Anwendung und dem Gebrauche physischer materiellerKräfte betrachtet, so bietet er wenig Bemerkenswerthes und Lehrreiches:aber in moralischer Hinsicht hat er einen hohen Werth und ist höchst in-teressant. Obgleich die Verbündeten in diesem Jahre gar keinen entschie-denen oder wichtigen Erfolg erzielt, so hatten sie Friedrich doch im Laufevon sechs Feldzügen bis zur äussersten, man kann sagen verzweifeltenLage gebracht, Preussen an den Rand des Verderbens gestellt und konn-ten mit einem starken Schlage im nächsten Feldzuge unzweifelhaft das-selbe stürzen. Das Glück (sagt Friedrich) begünstigte die Preussen nicht