218 HI. Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Friedrich hatte im Kampfe 3500 Manu verloren, und da er die Ab-sichten Daun's nicht kannte, beschloss er seine Streitkräfte concen-trirt zu halten und verfolgte daher den geschlagenen Laudon gar nicht.Inzwischen begünstigte das Glück Friedrich auch auf anderen Punkten:Daun, der es in der Morgendämmerung versuchte bei Liegnitz über dieKatzbach zu gehen, wurde von Ziethen daran verhindert, und Lascy, dernicht über den sumpfigen Schwarzwasser-Bach gehen konnte, marschirteeinen weiten Umweg und verlor ohne Nutzen Zeit. Daun wagte trotzseiner bedeutenden Ueberlegenheit an Streitkräften nicht von NeuemFriedrich anzugreifen, um sich durch eine Niederlage des Letzteren fürLaudon's Unglück zu entschädigen. Dieser Umstand machte den zufälli-gen Erfolg Friedrich's bei Liegnitz (mit Recht dem Siege bei Leuthengleichgestellt) um so wichtiger, weil Friedrich geschickt diesen zu be-nutzen vermochte.
§.88.
Der Marsch. Friedrich's nach Breslau, seine Vereinigung mit dem
Prinzen Heinrieh und die Operationen gegen Daun.
Ungeachtet des bei Liegnitz erfochtenen Sieges war die Lage Fried-rich's nach demselben eine der schwierigsten und gefährlichsten indiesem ganzen Feldzuge. In der Voraussetzung, dass Friedrich wenig-stens 24 Stunden auf dem Schlachtfelde verweilen würde, und im Hin-blick darauf, dass das Corps Tschernitschew's sich auf dem linken Oder-ufer befand, befahl Daun dem Corps Beck's, direct nach Neumarkt zugehen und sich mit Tschernitschew zu vereinigen, und wollte selbst mitder ganzen Armee dorthin marschiren, um auf diese Weise Friedrich derFrüchte des Sieges bei Liegnitz zu berauben. Wenn Friedrich nicht un-verzüglich nach Neumarkt marschirt und nicht von Neuem durch ein be-sonderes Glück begünstigt worden wäre, so hätte die preussische Armee,die nur noch auf einen Tag Proviant hatte, 10,000 Mann Gefangene und1 500 Mann eigene Verwundete mit sich führte, sowie durch einen grossenTrain belästigt war, auf dem Wege von Daun und Tschernitschew an-getroffen, entweder in der allerungünstigsten Lage kämpfen oder sichnach Glogau zurückziehen müssen. Aber zum Glück für Friedrich ginger am Tage nach der Schlacht bei Liegnitz (16. August) nach Neumarktund drängte das ihm bei Parchwitz begegnende Detachement Naundorf'szurück. Beck aber marschirte, aus Feindschaft gegen Daun, äusserstlangsam und näherte sich Neumarkt erst dann, als die preussische Armeedasselbe passirt hatte. Allein in Lissa, auf dem Wege nach Breslau, be-fand sich noch das Corps Tschernitschew's. Um dasselbe zum Rückzugzu zwingen, sandte Friedrich durch einen falschen Spion, der zu Tscher-