206 III. Kriege in der zweiten Hälfte des IS. Jahrhunderts.
Ostpreussen war von russischen Truppen besetzt, Sachsen und Schlesiendurch Contributionen und Aushebungen aufs Aeusserste erschöpft unddie ganze Last des Krieges fiel schon auf die Erblande des Hauses Bran-denburg, deren Geldeinnahmen, sogar mit den Subsidien Englands, nichtim Stande waren die Kriegskosten zu decken. Daher verminderte sichauch allmälig die Entschlossenheit in den Operationen Friedrich's wäh-rend der ersten vier Feldzüge des Krieges, wie leicht zu ersehen ist, indem Maasse, als für Friedrich die Nothwendigkeit seine Truppen zuschonen grösser wurde. So war der erste Feldzug ganz offensiv, derzweite (1757) und der dritte (1758; im Allgemeinen nur am Anfang offen-siv, der vierte (1759) ganz defensiver Natur. Im zweiten Feldzugewurden sechs grosse Schlachten geliefert, darunter drei für die Preus-sen ungünstige; im dritten Feldzuge nur zwei unentschiedene undim vierten nur eine und auch in dieser wurden die Preussen geschlagen.Für Friedrich war es noch ein Glück, dass zu jener Zeit es nicht Brauchwar und man es auch nicht verstand, den geschlagenen Feind bis aufsAeusserste zu verfolgen und daher die entschiedensten Siege nicht dieVernichtung der geschlagenen Armee zur Folge hatten, wozu als Beweisdie Niederlage Friedrich's bei Kunnersdorf dient. Sonst wäre vielleichtFriedrich schon nach den ersten vier Feldzügen ganz ohne Armee oderwenigstens mit so schwachen Streitkräften geblieben, dass er sich nichtmehr hätte vertheidigen können.
Und somit waren das moralische Uebergewicht, die Ueberlegenheitin der Kunst und der Erfolg im Allgemeinen auf Seiten Friedrich's. SeineGegner, die fast zweimal mehr Streitkräfte hatten als er, aber so operir-ten wie oben gesagt worden, vermochten ihn in .drei Feldzügen nicht zubesiegen und befanden sich, ausser der Einnahme Ostpreussens, Dres-dens und eines Theiles von Sachsen, fast in derselben Lage wie beimBeginn des Krieges. Friedrich hingegen, der mit ungewöhnlicher Ge-schicklichkeit es verstand, sowohl die taktische Ueberlegenheit seinerTruppen und seine Centrallage, als auch die fehlerhaften Operationenseiner Gegner zu benutzen, vermochte nicht nur mehr als drei Jahre langmit Ehre und Ruhm dem starken gegen ihn gerichteten Bunde von halbEuropa zu widerstehen, sondern auch glänzende Erfolge zu erzielen unddas moralische Uebergewicht auf seiner Seite zu erhalten — ein wahr-haft bewunderungswürdiger Erfolg, der aber Preussen ungeheure An-strengungen und die Erschöpfung seiner Streitkräfte kostete. Der Kriegkonnte sich in die Länge ziehen und Friedrich sich noch längere oderkürzere Zeit halten, aber die materielle Kraft war auf Seiten der Verbün-deten und hätte unbedingt früher oder später die Oberhand gewonnen, undFriedrich wäre es gänzlich unmöglich gewesen ihr zu widerstehen. SeineLage kann mit nichts besser verglichen werden als mit der Lage einer