6. Der siebenjährige Krieg. 205
pazen des Kriegslebens vorbereitete Leute waren. Aber gute Cadres,die preussische Disciplin und der mächtige Einfluss Friedrich's machtendiese Art Truppen fast eben so fähig zum Manövriren und zur Ausfüh-rung weiter und schneller Märsche wie die früheren, alten preussi-schen Truppen. Sowohl die eigenen Fehler und fehlgeschlagenen Unter-nehmungen, als auch die der Befehlshaber abgesonderter preussischerArmeen, Corps und Detachements verstand Friedrich zu verbessern unddurch die Geschicklichkeit und Entschlossenheit seiner eigenen darauffolgenden Operationen auszugleichen. Ausserdem hatte Friedrich beiseiner offensiv-defensiven Kriegführung folgende Vortheile: 1) befander sich hinsichtlich der verbündeten Armeen, die gegen ihn von verschie-denen Seiten und zu verschiedener Zeit heranrückten, in einer Central-lage, die ihm die Möglichkeit bot, bei Theilung seiner Streitkräfte diesenäher von einander entfernt zu halten, sie bequemer und schneller zuconcentriren und sich mit ihnen auf die eine oder andere Seite, gegendiese oder jene der verbündeten Armeen zu wenden als dies den letz-teren möglich war; 2) führte er den Krieg im eigenen Lande (Sachsengewährte ihm in dieser Hinsicht die gleichen Vortheile), in welchem ergenug Festungen, gute Communicationen, Flüsse u. s. w. und alle Mittelzur Ausführung jeder Art von Offensiv- und Defensivbewegungen und-Operationen hatte; endlich 3) hatte er gegen sich wenngleich numerischüberlegene Streitkräfte, so doch Feldherren, die, ohne ein gemeinsamesZiel zu haben, ohne Eintracht und Einheit, sehr langsam und unent-schlossen operirten.
Alles dieses zusammengenommen war die Ursache, dass der vonFriedrich geführte Offensiv-Defensivkrieg grösstentheils mit wichtigenund glänzenden Erfolgen gekrönt wurde und für ihn sehr vortheilhaftwar. Ausser dem directen Nutzen gewährte er besonders den Vortheil,dass er die moralische Kraft im preussischen Heere hob und sie bei denVerbündeten schwächte, sie noch vorsichtiger, langsamer und unent-schlossener zu operiren zwang. Daher war das moralische Uebergewichtim Laufe aller vier ersten Feldzüge des Krieges beständig auf SeitenFriedrich's und blieb es auch nach Beendigung derselben. Trotz alledemwar hinsichtlich der Streitkräfte und materiellen Mittel der Kampf einsehr ungleicher und das Uebergewicht stellte sich mit jedem Jahre mehrzu Gunsten der Verbündeten und ungünstiger für Friedrich heraus. Wäh-rend die Streitkräfte und Mittel der gegen Preussen gerichteten verbün-deten Mächte sich stets vermehrten oder wenigstens sich nicht vermin-derten und der Bestand ihrer Armeen sich nicht änderte und sogar theils(in der österreichischen Armee) sich vervollkommnete, erschöpften sichdie Streitkräfte und Mittel Preussens mehr und mehr, und der Bestandder preussischen Armee änderte sich, wie oben erwähnt worden ist.