204 HI. Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
entweder nach Sachsen oder zur Oder, je nachdem ihm von dieser oderjener Seite grössere Gefahr drohte, zog seine dort befindlichen Truppenzu sich heran und operirte nach Umständen entweder (wie vor denSchlachten bei Rossbach und Hochkirch defensiv, indem er sich bemühtedurch Manövriren die feindliche Armee aufzuhalten oder zurückzudrän-gen, oder hauptsächlich (wie vor den Schlachten bei Leuthen, Zorndorfund Kunnersdorfj auf die entschiedenste offensive Weise mit dem Zweckeinen Kampf herbeizuführen, bemüht die feindliche Armee zu schlagenoder sie wenigstens mit Verlust zurückzuwerfen. Nachdem er die Opera-tionen auf dieser Seite beendigt, liess er wieder einen Theil der Truppendaselbst zur Observirung und Vertheidigung und wandte sich mit denübrigen Truppen auf die andere Seite, wo seine Gegner, seine Abwesen-heit benutzend, offensiv zu operiren begonnen hatten, und war vonNeuem bemüht entweder sie im Kampfe zu schlagen oder durch Kampfoder Manövriren sie zum Rückzug zu zwingen.
Operationen solcher Art sind im Allgemeinen sehr schwierig, weilsie von den Truppen, die sie auszuführen haben, besondere Fähigkeitenzum Manövriren, zur Bewerkstelligung weiter und schneller Märsche unddas Ertragen grosser Strapazen, und seitens der Oberfeldherren und derabgesonderten Befehlshaber dieser Truppen besondere Geschicklichkeit,Thatkraft und Entschlossenheit, verbunden mit Vorsicht erfordern. Abersolch ein Feldherr wie Friedrich und solche Truppen wie die preussischenentsprachen ganz diesen Bedingungen. Richtig ist. dass Friedrich bis-weilen Misserfolge erlitten hat, entweder (wie bei der Belagerung vonOlmütz und in den Schlachten bei Kolin und Kunnersdorf i aus eigenerSchuld oder in Folge von Fehlern seitens der Befehlshaber der abgeson-derten preussischen Armeen, Corps und Detachements (wie des Herzogsvon Bevern, Lehwaldt's, Dohna's, Wedels, Fink's u. A.), die weder denGeist seines Offensiv-Defensivkrieges, noch die Befehle, die er ihnen indiesem Sinne gab, begriffen. Wahr ist es auch, dass der Bestand derpreussischen Armee an und für sich im Laufe der Zeit weniger und we-niger zu einer offensiv-defensiven Kriegführung geeignet war. Friedrichbegann den Krieg mit alten, erfahrenen, im Verlaufe von zehn Friedens-jahren ausgezeichnet geschulten Truppen. In jedem Feldzuge verlor erdie Hälfte und sogar zwei Drittheile der Armee. Dieser Verlust musste,weil keine Reserven vorhanden waren, jeden Winter durch Rekruten,angeworbene Ausländer. Kriegsgefangene und Ueberläufer ergänzt wer-den. Mit jedem Feldzuge verminderte sich die Zahl der alten Truppenund die Zahl der neuen vergrösserte sich, so dass im Jahre 1759 dieganze preussische Armee nur noch aus solchen bestand, die während desKrieges selbst angeworben und geschult und grösstentheils junge, wenigerfahrene, weder für die Pflichten des Militärstandes. noch für die Stra-