6. Der siebenjährige Krieg. 199
sehr fühlbar ; aber das moralische Uebergewicht blieb auf seiner Seite;nach der Schlacht bei Maxen wagte es Daun nicht gegen ihn irgendetwas zu unternehmen und es hatte den Anschein, dass aus dem unglei-chen Kampfe dieses Jahres Friedrich als Sieger hervorgegangen war.Wenn nach einem vierjährigen Kriege mit halb Europa Friedrich nochnicht besiegt und gestürzt worden war, so konnte seinen Gegnern füg-lich keine Hoffnung auf Erfolg in den folgenden Feldzügen mehr übrigbleiben.
Was die Operationen Daun's und Soltikow's anbelangt, so konntenbei der Vorsichtigkeit und Unentschlossenheit des Ersteren, die allesMaass überstiegen, bei dem gewohnten Streben der Oesterreicher, nachMöglichkeit weniger mit eigenen Kräften und Mitteln, als hauptsächlichmit den Kräften und Mitteln ihrer Verbündeten zu operiren, und bei derdadurch zwischen Soltikow und Daun entstandenen Uneinigkeit dieOperationen der österreichischen und russischen Armeen gar keinenwichtigen Erfolg haben. Die vier verbündeten Armeen, deren Streit-kräfte zusammen fast zweimal die Streitkräfte Friedrich's und seiner Ver-bündeten übertrafen (von welchen die russische, österreichische und fran-zösische, jede einzeln, Friedrich erdrücken konnten), welche endlichnach der Schlacht bei Kunnersdorf schon fast auf der Grenze Branden-burgs, nur einige Tagemärsche von Berlin entfernt waren, endigten denFeldzug damit, womit sie ihn begonnen, indem sie, wie schon erwähnt,nur Dresden erobert und Friedrich geschwächt hatten! Vor der Schlachtbei Kunnersdorf waren die Operationen Daun's und Soltikow's nochziemlich befriedigend, aber nach derselben stehen sie unter der Mittel-mässigkeit. Ihre Unentschlossenheit und Bedeutungslosigkeit und derverderbliche Zwist zwischen Soltikow und Daun, und später auchzwischen Laudon, retteten Preussen mehr noch vom Verderben alsdie Geistesstärke Friedrich's und seine sowie des Prinzen HeinrichOperationsgeschicklichkeit. Im Laufe des ganzen Feldzuges zersplitterteDaun seine Streitkräfte so ungemein, operirte so langsam, unentschlos-sen und vorsichtig, oder richtiger gesagt — furchtsam, dass er nicht imStande war etwas Wichtiges, Nützliches und Glänzendes zu vollbringen,obgleich er keine Niederlage erlitten hatte. Nach der Schlacht bei Kun-nersdorf hätte er sich in drei Tagemärschen mit Haddik oder Soltikowvereinigen und gerade nach Berlin marschiren können, aber er wartete,dass die russische Armee ihm den Weg dorthin bahnen würde. SeinKückzug nach Bautzen kann gar nicht gerechtfertigt werden, weil er, inder Stellung zwischen Friedrich und dem Prinzen Heinrich, nach seinemGutdünken über den Einen oder über den Andern herfallen konnte.Schliesslich, nachdem er bei Maxen das Corps Fink's aufgerieben undDresden in Besitz genommen hatte, beendete er den Feldzug, anstatt