Druckschrift 
Abth. 3, Die Neuzeit Bd. 3 (1875) Kriege der II. Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in West-Europa : 1740 - 1792 ; die Kriege Friedrich's des Grossen
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

136 HI. Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Die Alliirten hatten beschlossen in diesem Jahre, so wie im vorher-gehenden , von allen Seiten offensiv gegen den Mittelpunkt des preussi-schen Staates zu operiren. Ihre bedeutende Ueberlegenheit an Streit-kräften verbürgte beinahe den Erfolg, und die Lage Friedrich's war un-gleich bedenklicher als im vorhergehenden Jahre. Alle seine Hoffnungenkonnten sich einzig und allein auf die Wahrscheinlichkeit, dass die Alliir-ten Fehler begehen würden, sowie auf die Langsamkeit und Unentschlos-senheit der Operationen seiner Gegner und den Mangel der Verbindungund Eintracht unter ihnen gründen.

Am Anfange des Jahres hatte Friedrich noch keinen eigentlichenOperationsplan entworfen gehabt, sondern er hielt nur im Allgemeinenan der Absicht fest, eben solch einen Offensiv-Defensivkrieg wie im vor-hergehenden Jahre zu führen, den Umständen entsprechend zu operirenund die Alliirten an seine Hauptstützpunkte (Magdeburg und Dresden ander Elbe, Küstrin, Glogau und Brieg an der Oder und Neisse, Schweid-nitz und Glatz in Schlesien) nicht heranzulassen, falls dieselben aber aufirgend einer Seite diesen Festungsgürtel durchbrechen würden, sich mitseiner Hauptmacht gegen dieselben zu wenden und sie auf den übrigenPunkten durch einen Theil seiner Streitkräfte zurückzuhalten. Unter-dessen beschloss er die französische Armee des Herzogs von Richelieu,die unter den verbündeten Armeen allein von den Grenzen Preussens sichnicht entfernte, sondern in deren Nähe verblieb, noch im Winter, vor Be-ginn der Frühjahrscampagne, aus Deutschland gänzlich zu vertreibeDoder sie wenigstens weiter zurückzudrängen.

§.49.

Operationen in Westfalen. Die Oeeupation Westfalens durch den

Herzog von Braunsehweig.

Zu Anfang des Winters in Stade angekommen, sammelte der HerzogFerdinand von Braunschweig in kürzester Zeit die kraft der Conventionvon Kloster-Seven entlassenen und von den Franzosen nicht entwaffne-len Truppen der hannoverschen Armee irnd eröffnete unverzüglich dieFeindseligkeiten. Sein Unternehmen gegen Celle jedoch hatte keinenErfolg und der rauhe Winter zwang beide Parteien von Neuem Winter-quartiere zu beziehen. Inzwischen verstärkte Friedrich die hannoverscheArmee durch 15 Escadronen vom Corps Lehwaldt's und durch 10 Batailloneund 15 Escadronen vom Corps des Prinzen Heinrich und traf hinsichtlichdes Operationsplanes der hannoverschen Armee mit dem Herzoge vonBraunschweig ein Uebereinkommen. Dieser Plan, bei dessen Ausarbei-tung hauptsächlich die äusserst ausgedehnte Aufstellung der französischenArmee, ihre ungeheure Zerrüttung und der Wechsel im Oberbefehl in