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Abth. 3, Die Neuzeit Bd. 3 (1875) Kriege der II. Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in West-Europa : 1740 - 1792 ; die Kriege Friedrich's des Grossen
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4. Der siebenjährige Krieg. 129

die kaum der Niederlage entgangen waren und einen Verlust von5000 Mann an Todten und Verwundeten (darunter die Generale Lapu-chin, Sybin und andere, sowie viele Stabs- und Oberofficiere erlitten,den Sieg an ihre Fahnen fesselten; freilich durchaus nicht in Folge derGeschicklichkeit Apraxin's, sondern einzig und allein durch die ausser-gewöhnliche Standhaftigkeit und Tapferkeit der russischen Truppen undihrer Generale und Officiere.

Lehwaldt zog sich nach Wehlau zurück und Apraxin, nachdem er eineWoche lang auf dem Schlachtfelde geblieben und dann einen vergeblichenVersuch gemacht hatte, in Friedland, nächst der rechten Flanke Lehwaldt's,über die Alle zu gehen, machte plötzlich, zur höchsten Verwunderungund Unzufriedenheit der russischen Armee, Kehrt und zog sich am8. September über den Pregel und denNiemen mit solcher Eile und in sol-cher Unordnung zurück, als wenn er nach einer erlittenen Niederlage dieFlucht ergriffen hätte. Die Ursache seines plötzlichen Rückmarsches wardie, dass der Kanzler Graf Bestuschew-Rjumin, während der schwerenund gefährlichen Krankheit der Kaiserin Elisabeth Petrowna, aus unbe-kannten Gründen (die im Anhange [s. Apraxin] eine zweifache Deutungerfahren) Apraxin mit seiner Armee nach Russland zurückrief. Diepreussischen Truppen verfolgten die russische Armee bis an den Niemen.

Ueber die Schlacht bei Gross-Jägerndorf sowie über die Umstände,welche derselben vorhergingen und folgten, ist Folgendes zu bemerken:

Erstens. Weder die eine noch die andere Armee hatte richtige undbestimmte Kunde über die Stellung und die Bewegungen ihres Gegners.Seitens der russischen Armee ist dies um so befremdender, als diesedamals gegen 16,000 Mann irreguläre leichte Truppen hatte.

Zweitens. Die russische Armee war am 29. August aufgestellt undrückte am folgenden Tage morgens ohne Vorsichtsmassregeln und in Un-ordnung vorwärts, woher es kam, dass sie nicht nur fast -unvermuthetangegriffen wurde, sondern auch während der Schlacht in derselben dieäusserste Unordnung herrschte. Nur 11 Regimenter konnten ihre Auf-stellung bewerkstelligen und diese wurden an den Wald gedrängt; dergrösste Theil der Armee aber befand sich hinter dem Walde und konntenur mit Mühe die Vortruppen unterstützen.

Drittens. Der Plan Lehwaldt's bei Sitterfeld den linken Flügel derrussischen Armee anzugreifen wäre sehr gerechtfertigt gewesen, wenndiese nur in der That so aufgestellt gewesen wäre, wie Lehwaldt annahm.In diesem Falle v^äre dieser Flügel der schwächste Theil der russischenAufstellung gewesen und das offene Terrain bei Sitterfeld würde gestattethaben, dieRussen, derlnstructionFriedrich's gemäss, in schräger Schlacht-ordnung anzugreifen und sie hinter den Pregel zurückzuwerfen. Da aber

Galitzin. Allgem. Kriegsgeschichte. III, 3. 9