98 HI. Kriege in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
an Proviant litten, die Uebereinkunft getroffen, dass sie aus dein Lagerbei Pirna auf das rechte Eibufer übergehen und sich mit Gewalt einenWeg zu den Oesterreichern bahnen sollten, ging er mit einem Detache-ment, das nicht über 8000 Mann stark, bei Raudnitz über die Elbe undmarschirte über Neustadtl und Rumburg nach Lichtenhain. Die Sachsenaber, durch Regengüsse, ungünstige Bodenverhältnisse und andere Hin-dernisse aufgehalten, gingen über die Elbe einen Tag später als verab-redetworden war. Den Preussen aber war es schon vorher gelungen durchstarke Detachements alle am rechten Eibufer befindlichen Debouches be-setzen zu lassen, sie umzingelten rechts von der Elbe die Hauptmachtder Sachsen, während auf dem linken Ufer der-Elbe die ganze im Lagerbei Pirna damals befindliche sächsische Armee von der preussischen Ar-rieregarde gezwungen wurde die Waffen zu strecken. Browne, der zweiTage lang von den Sachsen gar keine Nachricht erhalten hatte, gingnach Böhmen zurück, nachdem er einige Hundert Mann in den Arriere-gardegefechten verloren hatte. Bei grösserer Entschlossenheit hätten dieOesterreicher unzweifelhaft die Sachsen befreien können, deren Armee,dem Ausspruche Friedrich's nach, ein Opfer der Gleichgültigkeit ihrerVerbündeten wurde.
Nach der Capitulation von Pirna bezog die preussische Armee Win-terquartiere, und zwar das Corps Keith in Sachsen und der Lausitz bisan den Fluss Queiss und das Corps Schwerin's in Schlesien von Zuck-mautel bis Gräfenberg, beide längs der Grenzen von Böhmen und Mähren.
Bei oberflächlicher Betrachtung des Feldzuges vom Jahre 1756 scheintes, dass es für Friedrich, der seine ganze Armee beisammen hatte, wäh-rend die Streitkräfte der Sachsen unbedeutend und die österreichischenTruppen in Böhmen erst in Concentrirung begriffen waren, vorteilhaftergewesen wäre, wenn er die Uebermacht seiner Streitkräfte benutzt hätte,um ein kleines Truppencorps bei Pirna zurückzulassen und sich mit derHauptmacht seiner Armee nach Wien zu wenden oder wenigstens Böhmenzu erobern. So war die Ansicht Lloyd's und später Napoleon's L, desGenerals Jomini u. A. m. Aber die Meinung Tempelhofs, Klausewitz'sund Lossau's ist, wie es scheint, zutreffender, indem sie sich durch rich-geren Blick auf die politische Lage, auf die Macht und die Mittel Preus -sens auszeichnet. Wenn Friedrich nur mit Oesterreich allein Krieg ge-führt hätte, so würde er wahrscheinlich so verfahren haben wie obengesagt wurde. Da er aber den grössten Theil von Europa gegen sichhatte, so konnte er, wenngleich seine Gegner noch nicht gerüstet wa-ren, unter Umständen wo es sich um die politische Existenz Preussenshandelte, doch nicht ein Unternehmen wagen, das ihm mehr Ruhm alsNutzen versprach. Er zog eine weniger entschlossene, dafür aber destowirksamere Handlungsweise vor, bemächtigte sich Sachsens und gewann