92 HI. Kriege in der zweiten Hälfte des IB. Jahrhunderts.
bedeutungslosen und schon auf friedlichem Wege beigelegten Streit zwi-schen Friedrich II. und dem Herzoge von Mecklenburg zu benutzen, umPreussen den Krieg zu erklären und von allen Seiten über dasselbe her-zufallen ; Oesterreich sollte Schlesien, Sachsen das Herzogthum Magde-burg und Schweden Pommern zurück erhalten, während der Infant DonPhilipp für den Verlust von Parma und Piacenza mit den Niederlandenentschädigt werden sollte, mit einem Worte: man wollte Preussen zer-stückeln, demüthigen und auf die Stufe hinabdrücken, auf welcher es sichzu Zeiten des Kurfürsten Georg Wilhelm befunden hatte.
Friedrich, von den Absichten 'seiner Gregner auf das Genaueste un-terrichtet, erkannte seine Lage in ihrem vollen Umfange und beurtheiltedieselbe richtig. Unthätiger Zeuge der<Rüstungen seiner Feinde zu blei-ben und abzuwarten, bis sie Preussen den Krieg erklärt, nur aus Furcht,als Störer des allgemeinen europäischen Friedens angesehen zu werden,hiess sich selbst und Preussen unfehlbarem Verderben preisgeben. Daer stärker war als jeder einzelne seiner Gegner, die alle noch nicht kriegs-bereit waren, beschloss Friedrich die Gelegenheit zu benutzen, um be-hufs wirksamerer Vertheidigung in Sachsen, als dem schwächsten undPreussen am nächsten gelegenen Besitzthume des sächsischen Kurfürsten,einzufallen und so durch Eröffnung des Krieges seinen Feinden zuvorzu-kommen. Die Occupation Sachsens gewährte zudem ungeheure Vortheileund war sehr bedeutungsvoll sowohl für Preussen als für Oesterreich, wassich aus näherer Betrachtung desjenigen Theiles von Deutschland, indem die Haupt-Kriegsoperationen zwischen Preussen und Oesterreich statt-finden mussten, leicht ergiebt. Getrennt durch die Bergrücken desRiesen-und des Erzgebirges, die Lausitz und Sachsen, konnten Preussen undOesterreich gegen einander entweder über Schlesien und Mähren, oderdurch die Lausitz, oder über Sachsen operiren. Die Richtung aus Schle-sien über Mähren war die geradeste, kürzeste und vortheilhafteste fürdie Offensivoperationen Preussens, falls es den Krieg nur gegen Oester-reich allein geführt hätte. Die Preussen hatten in Schlesien sieben wichtigeFestungen (drei, Neisse, Glatz und Schweidnitz, links von der Oder undvier, Glogau, Breslau, Brieg und Kosel, an der Oder selbst), die Schle-sien hinlänglich deckten und die über Mähren gegen Oesterreich gerich-teten Offensivoperationen bedeutend sicherten und erleichterten. Aus den-selben Gründen war diese Richtung sehr vortheilhaft für die Defensiv-operationen der Preussen in Schlesien, für die gegen dieses Land gerich-teten Offensiv-Unternehmungen der Oesterreicher hingegen sehr unvor-theilhaft, ja sogar gefährlich, wenn im Jahre 1756, wo die Oester-reicher noch nicht gerüstet waren, die Preussen offensiv gegen Mährenvorgerückt wären, umsomehr, da auf dieser Seite nur eine österreichischeFestung, Olmütz, sich in gutem Vertheidungszustande befand. Da nun