2. Das Kriegswesen und die Kriegskunst in der Periode von 1740—1792. 19
sowohl als auch jene den Dienst nur dann, wenn sie wunden- undkrankheitshalber oder wegen Alters ganz untauglich für denselben wur-den. Daraus entstand, unter den Umständen, in welchen Preussen sichbefand, ein wesentlicher Nutzen sowohl in staatswirthschaftlicher Hin-sicht, als auch hinsichtlich der besseren Ausbildung der Officiere undSoldaten, der grösseren Einheit in der Armee und der Erhöhung derAchtung, die der Militärstand genoss.
Das Beispiel Preussens erregte die Nacheiferung der übrigen euro-päischen Staaten, und ihr Militärwesen, das am Anfauge dieser Periodein derselben Lage geblieben war wie am Ende der vorigen, wurde seitund besonders nach dem siebenjährigen Kriege nach und nach reorga-nisirt und vervollkommnet, und zwar mehr oder weniger nach preussi-schem Muster.
In Oesterreich waren am Anfange dieser Periode sowohl das Militär-wesen als auch der Waffenruhm in gleichem Verfalle und die Armeeschwach und desorganisirt. Aber die weisen Staatsmassregeln MariaTheresiens , die ausserordentlichen Anstrengungen aller Volksschichten,die eifrige Hilfe der Ungarn und Bemühungen vieler ausgezeichneterGenerale, besonders Daun's und Lascy's, waren die Ursache, dass einer-seits, während des schlesischen und des siebenjährigen Krieges, Oester-reich mehr und mehr starke Armeen aufstellte und andererseits dasMilitärwesen und die taktische Organisation derTruppen am EndedieserPeriode schon eine bedeutende Vervollkommnung erreichten.
Die übrigen Staaten Deutschlands, besonders Sachsen, Hannoverund Hessen-Kassel, die Preussen als Vorbild ansahen, eigneten sich so-fort verschiedene Vervollkommnungen desselben an, und wenn sie auchim Allgemeinen nicht den gleichen Grad der Vollkommenheit mit dem-selben erreichen konnten, so übertrafen sie doch in einigen BranchenPreussen.
Das Kriegswesen Englands entwickelte und vervollkommnete sichauf besonderen, nur England allein eigenen, dem Geiste und Charakterdes Volkes, den örtlichen Bedürfnissen des Landes und der Regierungs-weise entsprechenden Grundlagen und befand sich im Allgemeinen ingutem Zustande.
Aber in keinem anderen der westlichen europäischen Staaten wares in dieser Periode in solchem Verfalle und erlitt so viele Verände-rungen, in keinem derselben waren der Einfluss Preussens und die scla-vische Nachahmung der Militär-Reorganisation desselben so stark und invieler Hinsicht schädlich wie in Frankreich. Am Anfang dieser Periodebefand sich die französische Armee in äusserster Unordnung, sowohl inmaterieller als in moralischer Hinsicht. Die Truppen wurden, wienoch zu Ludwig's XIV. Zeiten, vor dem Kriege durch ausserordentliche
2*