804 HI. Von Einführung der Feuerwaffen bis zum dreissigjährigen Kriege etc.
(unzweifelhaft durch Geld-Bestechung) den Fahnenträger des Haupt-Banners von Tochtamysch auf seine Seite gebracht, damit er in derHitze des Gefechtes diese Fahne wegwerfen solle.
Ueber die Anzahl derTruppenTochtamysch' s und deren Schlacht-Ordnung schreibt Scher eff-E ddin Nichts, er sagt nur, dass sie in zweiFlügel und die Haupt-Macht getheilt waren. Aber nach Timur' s eige-nen Worten waren sie so zahlreich »wie die Heuschrecken und die Amei-sen«. Zu ihnen gehörten die Tataren der Goldenen Horde und von Sinja,welche zwischen Ural und Syr-Darja nomadisirten, Nogaien, kaukasischeAlanen und Tscherkessen, Bolgaren und Küssen. Man nimmt an, dassdie Truppen Tochtamysch's sich auf i / 2 Million beliefen; jedenfallswaren sie denen Tim ur's numerisch bedeutend Überlegen.
Die Schlacht zwischen diesen furchtbaren, von zwei mächtigen asia-tischen Herrschern und Nebenbuhlern geführten Heeresmassen an denUfern der Kondurtscha begann am 18. Juni, währte ganze drei Tageund war sehr begreiflicher Weise äusserst erbittert und blutig. Hierkämpfte die Ueberlegenheit der Kunst Tim ur's gegen die Ueberlegen-heit der Truppenzahl Tochtamysch's und wand endlich Letzteremden Sieg aus der Hand, sowohl durch die geschickten Anordnungen Ti-mur' s, die vorzügliche Organisation, Ordnung, Erfahrenheit und Tapfer-keit seiner Truppen, als auch durch die Mitwirkung der oben erwähntenHülfsmittel. Gegen Ende des Kampfes war es Tochtamysch fast ge-lungen, den linken Flügel Tim ur's zurück zu drängen und ihm in dieFlanke zu gehen, aber Timur vermochte ihn aus der Reserve zu unter-stützen und seinerseits den Feind zurück zu drängen.*)
In der grössten Hitze der letzten Periode der Schlacht ertheilte Ti-mur, um seinem Heere Verachtung gegen den Feind einzuflössen und denMuth des Letzteren zu brechen, einem Reiter-Corps von 8000 Mann denBefehl »Zelte aufzuschlagen und die Mahlzeit zu bereiten.« Vielleicht wardies das verabredete Zeichen für den erkauften Fahnenträger, denn indemselben Augenblicke warf dieser das Hauptbanner weg, während gleich-zeitig ein Heerhaufen Timur's grade auf dieses Banner losstürzte. DieTruppen Tochtamysch's, ihre Hauptfahne nicht mehr sehend,glaubten, dass der Khan erschlagen und die Schlacht verloren sei, ge-riethen bald in Verwirrung und Schrecken und erblickten ihr einziges
*) Aus den Anstrengungen Tochtamysch's gegen Tim ur's linken Flügelkann man schliessen, dass der Erstere die Gefahr seiner Lage, die Wolga imEiicken, erkannt hatte, und als er die Schlacht für sich verloren sah, sich nachdem Süden durchschlagen wollte; denn indem er dorthin zurückging, konnte erwenigstens einen grossen Theil seines Heeres vor einer vollkommenen Niederlageretten uud den Krieg fortsetzen. Aber Timur's Maassnahmen machten diese Hoff-nung T ochtamysch's zn Schande. (Iwanin S. 205).