Kriege und Feldziige Timur-Leng's oder Tamerlan's (1359—1405). 803
Um die für ihn, Timur. schädlichen Folgen von Tochtarnysch'sPlan, den kleinen Krieg in den Waldungen zu fuhren, wie es oben ge-sagt wurde, zu vermeiden, beschloss Timur, Jenen in einen Kampf zuverwickeln, und bestimmte dazu 20000 Mann, welche durch verstellteFlucht den Gegner in einen Hinterhalt locken sollten. Durch dieses Ver-fahren gelang es ihnen, drei Regimenter der Tataren zu besiegen, imGanzen etwa 10000 Mann. Nun setzte Timur die schnelle VerfolgungTochtamysch's fort, und endlich gelang es ihm am 18. Juni 1391.denselben am Ufer der Kondurtscha, rechten Zuflusses des Sok. in eineEntscheidungs-Schlacht zu verwickeln.") Tochtamysch wurde wahr-scheinlich bestimmt, die Schlacht hier anzunehmen, durch die Absicht,die unermesslichen Reichthümer der Goldenen Horde auf der Wiesen-Seite der Wolga zu schützen: im Fall seiner Niederlage hoffte er vielleichtsich nach Süden durchzuschlagen, um nicht gegen die Wolga gedrängtzu werden. Aber auch Timur hatte augenscheinlich die Gefahr dereigenen Lage erkannt, was aus den ausserordentlich wohlüberlegten Dis-positionen zum Kampfe hervorgeht. Nach S eher eff-E ddin's Angabenth eilte er sein Heer in sieben Theile und stellte es in eine neue Schlacht-Ordnung,*') nämlich in zwei Linien und Reserve, —und zwar: in derersten Linie die Avant-Garden des rechten Flügels, des Centrums und deslinken Flügels, — in der zweiten Linie rechten Flügel, Centrum (Haupt-Macht und linken Flügel, — und in der dritten Linie das hintere oderRücken-Corps oder Reserve, bestimmt zur Verstärkung und Unterstützungder beiden vorderen Linien, und gebildet aus den auserlesensten undtapfersten Kriegern unter der persönlichen Anführung Ti m u r' s. Ausser-dem hatte Letzterer 1) für die religiöse Entflammung seiner Truppen ge-sorgt: der bei ihm befindliche Imam sagte, nach dem Gebete und derVorlesung eines Verses aus dem Koran, zu Timur: »Vollende dein Un-ternehmen, du wirst Sieger sein, die Vorsehung beschützt dich!« — und2) rechtzeitig nicht nur einige Grosswürdenträger Tochtamysch's, unddarunter den aus unseren Chroniken bekannten Edigei, sondern auch
Heeres verwendet wurde, wonach die Stärke des Letzteren sich auf etwa 200000Mann belaufen haben würde. Wenn man aber erwägt, dass nach Timur's Anord-nung auch in Friedenszeit um sein Zelt sich immer 12000 Mann in Form einer Leib-wache befanden, von welchen nur 1000 Mann jedesmal zu unaufhörlichem Patrouil-liren bestimmt war, so kann man aus dieser Berechnung zu dem Schlüsse gelangen,dass Timur's Heer vielleicht sogar 360000 Mann stark war.
*) Vom Ik-Flusse bis zur Kondurtscha sind ca. 450 Werst, folglich durchzogTimur diesen Kaum in 13 Tagen (4. bis 18. Junij, was also pro Tag 35 WerstMarschleistung ergiebt. Die gewöhnlichen Märsche der Mongolen betrugen 20 undnie über 25 Werst täglich.
**) Die Normal-Schlachtordnungen Timur-Leng's vergl. 1. und 2. Theil derAllgem. Kriegsgeschichte des Mittelalters.